Die Geschichte zeigt: In Zeiten wachsender Unsicherheit war die Schweizer Neutralität stets ein Stabilitätsanker. Die heutige Neutralitätsinitiative knüpft an diese erfolgreiche Tradition an.
Die Debatte über die Zukunft der Schweizer Neutralität ist nicht neu. Bereits in den 1930er Jahren wurde eine Neutralitätsinitiative diskutiert, die verhindern wollte, dass die Schweiz durch internationale Verpflichtungen in Konflikte fremder Mächte hineingezogen wird. Obwohl diese Initiative letztlich zurückgezogen wurde, erreichte sie ihr Ziel indirekt: 1938 kehrte die Schweiz zur integralen Neutralität zurück und gewann damit ihre volle außenpolitische Handlungsfreiheit zurück.
Die damalige Entwicklung wird von zahlreichen Historikern (zum Beispiel hier) als Reaktion auf die dramatische Verschlechterung der internationalen Lage verstanden. Der Völkerbund erwies sich zunehmend als unfähig, kleinere Staaten wirksam zu schützen. Aggressionen gegen souveräne Länder wie der Überfall Italiens auf Äthiopien oder sonstige Vertragsverletzungen wie die Rheinlandbesetzung blieben folgenlos, während die Glaubwürdigkeit des Systems kollektiver Sicherheit des Völkerbundes) zusehends zerfiel. Vor diesem Hintergrund erschien die Rückkehr zur umfassenden Neutralität nicht als Rückschritt, sondern als nüchterne und verantwortungsvolle Anpassung an die Realität.
Bemerkenswert ist dabei, wie breit der politische Konsens damals war. Von bürgerlichen bis zu sozialdemokratischen Kräften herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass die Schweiz ihre Unabhängigkeit und Neutralität stärken müsse. Die Anerkennung der integralen Neutralität durch den Völkerbund wurde 1938 denn auch vielerorts mit Erleichterung und Genugtuung aufgenommen.
Genau an diese Tradition knüpft die heutige Neutralitätsinitiative an. Sie verfolgt das Ziel, die Schweiz aus internationalen Machtblöcken herauszuhalten und ihre Rolle als unabhängiger, glaubwürdiger Vermittler zu sichern – wirtschaftlich vernetzt und politisch unabhängig. Angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen erscheint dieses Anliegen für viele Bürgerinnen und Bürger aktueller denn je. Neutralität wird dabei nicht als Passivität verstanden, sondern als Voraussetzung für Eigenständigkeit, Dialogfähigkeit und Friedensförderung.
Umso deplatzierter wirkt die Replik des Zürcher Historikers Jakob Tanner auf den eingangs zitierten Artikel. In seinen Ausführungen zeichnet er ein Bild der Schweizer Neutralitätspolitik, das vor allem von Misstrauen geprägt ist. Tanner bewertet die damalige Politik wiederholt als «hilflos» und interpretiert die Rückkehr zur integralen Neutralität vorwiegend als Anpassung an autoritäre Mächte. Damit blendet er jedoch zentrale historische Realitäten aus: den offensichtlichen Niedergang des Völkerbundes, die fehlende Durchsetzungskraft kollektiver Sicherheit und die breite innenpolitische Unterstützung für den neutralitätspolitischen Kurswechsel.
Besonders problematisch ist Tanners Versuch, die damalige Neutralitätspolitik in die Nähe einer Unterstützung aggressiver Regimes zu rücken. Eine solche Deutung verkennt den eigentlichen Kern der schweizerischen Neutralität: Gerade weil die Schweiz unabhängig bleiben wollte, verweigerte sie die Einbindung in Machtkonstellationen und bewahrte sich ihre Eigenständigkeit. Die Neutralität war kein Zeichen der Schwäche, sondern Ausdruck staatlicher Selbstbehauptung.
Hinzu kommt, dass Tanner den Einfluss der damaligen Neutralitätsinitiative deutlich höher gewichtet, als es viele historische Untersuchungen nahelegen. Zahlreiche Quellen sprechen dafür, dass die Rückkehr zur integralen Neutralität vor allem durch die veränderte Weltlage und den politischen Konsens in der Schweiz bestimmt wurde, weniger durch innenpolitischen Druck. Die Initiative wirkte zwar unterstützend, war aber keineswegs der alleinige Auslöser. Gerade ihr späterer Rückzug des Volksbegehrens zeigt vielmehr, dass ihr Anliegen politisch bereits erfüllt war.
Die Lehre aus den Ereignissen von 1938 bleibt deshalb aktuell: Die Schweiz war dann besonders erfolgreich, wenn sie ihre Neutralität selbstbewusst verteidigte und ihre außenpolitischen Entscheidungen eigenständig traf. Die Neutralitätsinitiative steht in dieser Tradition. Sie erinnert daran, dass Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Vermittlungsfähigkeit keine Relikte der Vergangenheit sind, sondern auch im 21. Jahrhundert zu den wichtigsten Stärken der Schweiz gehören.