Der Historiker Brendan Simms warnt vor einer gefährlicheren Weltordnung. Für die Schweiz sieht er Neutralität und Eigenständigkeit als Stärke – vorausgesetzt, sie kann sich selbst verteidigen.
Der Historiker Brendan Simms hat Tamedia ein Interview zur Rückkehr der Großmachtpolitik und den Folgen für Europa und die Schweiz gegeben. Seine zentrale Botschaft an die Schweiz ist deutlich: Das Land sollte seine Neutralität nicht aufgeben, sondern seine Fähigkeit stärken, sie aus eigener Kraft zu schützen.
Simms, Historiker an der Universität Cambridge und Leiter des dortigen Zentrums für Geopolitik, beobachtet eine grundlegende Veränderung der internationalen Ordnung. Die Phase nach dem Ende des Kalten Kriegs, in der die USA als nahezu unangefochtene Supermacht auftraten, sei vorbei. Russland, China und weitere Staaten verfolgten wieder stärker eigene Machtinteressen.
Für kleinere Staaten wie die Schweiz bedeute diese Entwicklung vor allem, die eigene Handlungsfähigkeit nicht von anderen abhängig zu machen. Gerade die Bündnisfreiheit könne dabei ein Vorteil sein. Neutralität allein reiche allerdings nicht aus, wenn sie nicht durch glaubwürdige eigene Fähigkeiten abgesichert werde.
Simms plädiert deshalb ausdrücklich dafür, die schweizerische Verteidigung wieder zu stärken. Dazu gehöre nicht nur die militärische, sondern auch die zivile Vorsorge. Für die Schweiz sei dies wichtiger als der Beitritt zu einem Bündnis. Zwar seien Bündnisse grundsätzlich sinnvoll, doch würden sie seiner Ansicht nach zu häufig als Lösung für sämtliche Sicherheitsprobleme betrachtet. Die Fähigkeit, das eigene Land selbst zu schützen, passe dagegen besonders gut zur politischen Identität der Schweiz.
Dabei verbindet Simms Neutralität mit Souveränität: Die Schweiz solle sich auf ihre eigenen Stärken besinnen und ihre Unabhängigkeit bewahren. Sein Bild dafür ist jenes einer «Nuss, die hart zu knacken ist». Ein Staat müsse nicht selbst zur Großmacht werden, um seine Interessen zu schützen. Er müsse aber glaubhaft in der Lage sein, seine eigene Souveränität zu verteidigen.
Die geopolitische Lage macht diese Frage aus Sicht des Historikers dringlicher. Wirtschaftliche Abhängigkeiten, Lieferketten und der Zugang zu wichtigen Rohstoffen würden zunehmend als Instrumente geopolitischer Macht eingesetzt. Was vor zwei Jahrzehnten noch als normale internationale Arbeitsteilung gegolten habe, könne heute zu einer strategischen Verwundbarkeit werden.
Auch Europa stehe vor schwierigen Entscheidungen. Die Europäische Union sei zwar wirtschaftlich und regulatorisch ein bedeutender Akteur, verfüge aber nicht über alle Merkmale einer klassischen Großmacht. Simms sieht Europa deshalb weiterhin als verletzlich.
Für die Schweiz ergibt sich daraus ein anderer Ansatz als für die EU: Sie muss nach Simms‘ Einschätzung nicht Teil einer europäischen Großmacht werden, um ihre Interessen zu wahren. Entscheidend sei vielmehr, dass sie ihre Eigenständigkeit mit konkreten Fähigkeiten unterlege. Neutralität wäre damit nicht als Passivität zu verstehen, sondern als politische Position, die durch Eigenverantwortung abgesichert werden muss.
Simms beschreibt die kommende internationale Ordnung insgesamt als multipolarer und konfliktreicher. China und Russland strebten eine Welt an, in der mehrere Machtzentren nebeneinander bestehen. Gleichzeitig zeichne sich eine neue Konkurrenz zwischen unterschiedlichen politischen Ordnungen ab.
Die Folgen dieser Entwicklung sind nach Einschätzung des Historikers auch für Staaten außerhalb der großen Machtblöcke relevant. Die Welt werde gefährlicher, weil das bisherige Gleichgewicht verloren gegangen sei und sich eine neue Ordnung noch nicht herausgebildet habe. Gerade deshalb gewinnt für die Schweiz aus seiner Sicht die Fähigkeit an Bedeutung, unabhängig zu handeln und die eigene Souveränität zu bewahren.
Seine Botschaft an die Schweiz lässt sich damit auf einen einfachen Grundsatz verdichten: Neutral bleiben – aber vorbereitet sein.