Propagandaforscher Jonas Tögel zeigte in Zürich, wie Staaten und Militärs das menschliche Bewusstsein zum Kriegsschauplatz machen – und warum die Schweiz gut beraten wäre, genauer hinzusehen, bevor sie selbst Teil dieser Entwicklung wird.
Der Krieg der Zukunft findet nicht nur zu Land, zu Wasser, in der Luft, im Weltraum und im Internet statt. Sein sechster Schauplatz ist der Mensch selbst. Diese ebenso einfache wie beunruhigende Tatsache stellte der Propagandaforscher Jonas Tögel ins Zentrum seines ausverkauften Vortrags im Zürcher Kulturpark.
Tögel, Amerikanist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Regensburg, beschäftigt sich seit Jahren mit «kognitiver Kriegsführung». Sein gleichnamiges Buch wurde 2023 zum «Spiegel»-Bestseller. In Zürich führte er die 120 Besucher durch ein Jahrhundert moderner Manipulation – und zeigte dabei, dass Propaganda keineswegs ein Relikt autoritärer Staaten ist.
Ihr moderner Wegbereiter ist Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds. Von ihm stammt der bemerkenswerte Satz: «Die bewusst und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.» Organisationen, die im Verborgenen wirkten, seien die «eigentlichen Regierungen».
1917 mobilisierte die amerikanische Creel-Kommission, an deren Arbeit Bernays beteiligt war, mit emotionalen Botschaften und Gräuelgeschichten eine zunächst kriegsskeptische Bevölkerung für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Nur wenige Wochen zuvor war Woodrow Wilson als Friedenspräsident vereidigt worden. So schnell kann aus Friedenssehnsucht Kriegsbereitschaft werden, wenn Angst, moralische Empörung und geschickt gesetzte Begriffe zusammenspielen.
1929 bewies Bernays, dass dieselben Methoden auch im Frieden funktionieren. Im Auftrag von «Lucky Strike» inszenierte er öffentlich rauchende Frauen als Symbol weiblicher Emanzipation. Zigaretten wurden zu «Fackeln der Freiheit». Ein kommerzielles Interesse verwandelte sich mittels Framing in eine gesellschaftliche Befreiungstat.
Das Prinzip ist bis heute dasselbe, nur die Technik ist mächtiger geworden. Wer die Begriffe bestimmt, beeinflusst die Wahrnehmung. Getötete Zivilisten werden zu «Kollateralschäden», Krieg wird zur Verteidigung der Demokratie, Aufrüstung zur Friedenssicherung. Entscheidend seien deshalb nicht allein die Waffen, sagte Tögel, sondern die Narrative, denen eine Bevölkerung folgt.
Gerade darin liegt die politische Brisanz der kognitiven Kriegsführung. Wenn militärische Strategen die «menschliche Sphäre» ausdrücklich zum Operationsgebiet erklären, stellt sich auch für Demokratien eine unbequeme Frage: Wo endet legitime Information – und wo beginnt die gezielte Beeinflussung der eigenen Bevölkerung?
Für die Schweiz ist diese Frage besonders aktuell. Das Verteidigungsdepartement beschäftigt sich im «Grundlagenpapier Inforaum» mit dem Kampf um Wahrnehmung und Verhalten. 40 Prozent des Dokuments sind der Öffentlichkeit jedoch durch Schwärzung entzogen. Ausgerechnet dort, wo es um die Beeinflussung des Informationsraums geht, wäre maximale Transparenz geboten.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz verschärfen das Problem. Persönlich zugeschnittene Botschaften, KI-generierte Videos und umfassende Datensammlungen ermöglichen künftig eine Propaganda, die nicht mehr an ein Publikum, sondern an einzelne Menschen adressiert ist. «Alles, was wir tun, wird aufgezeichnet», warnte Tögel.
Doch sein Vortrag endete nicht in Ohnmacht. Im Gegenteil. Wer die Werkzeuge der Propaganda kennt, wird weniger leicht von ihnen beherrscht. Tögel empfahl Medienhygiene, zeitweise Handyabstinenz und vor allem den Aufbau realer menschlicher Netzwerke. «Tun Sie kleine Schritte», lautete seine Botschaft. Die überwältigende Mehrheit der Menschen wolle keinen Krieg.
Darin lag vielleicht die stärkste Botschaft des Abends: Die wirksamste Verteidigung gegen kognitive Kriegsführung beginnt nicht im Verteidigungsministerium, sondern im eigenen Kopf. Die Gedanken sind frei – vorausgesetzt, wir nehmen uns die Freiheit, selber zu denken.
Organisiert wurde der Abend von der Bewegung für Neutralität (bene) und dem Verein Dreigliederung.
Jonas Tögels Bücher:
Kriegsspiele – wie NATO und EU die Zerstörung Europas simulieren. Westend Verlag, 2025. 112 S. € 15.–.
Kognitive Kriegsführung – neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO. Westend Verlag, 2023. 252 S. € 24.–
