Eine Friedensinitiative von Human Front Aid aus Bern setzt auf Adolf Ogi als moralischen Brückenbauer. Der «Tages-Anzeiger» begegnet dem Anliegen mit auffallender Skepsis.
Kann ein ehemaliger Schweizer Bundesrat einen Beitrag zum Frieden leisten? Für das Berner Hilfswerk Human Front Aid ist diese Frage zumindest einen Versuch wert. Gemeinsam mit dem früheren Regierungssprecher Oswald Sigg hat die Organisation eine Petition lanciert, die Bundespräsident Guy Parmelin (SVP/Waadt) dazu auffordert, Alt-Bundesrat und Ex-Verteidigungsminister Adolf Ogi (SVP/Bern) als Friedensbotschafter nach Moskau zu entsenden. Ogi soll sowohl mit Wladimir Putin als auch mit Wolodymyr Selenskyj das Gespräch suchen und an deren Verantwortung appellieren, den Krieg zu beenden und den Weg für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu öffnen.
Die Initiative stammt nicht von außenpolitischen Theoretikern, sondern von Menschen, die den Krieg aus nächster Nähe erleben. Human Front Aid unterstützt seit Beginn der russischen Vollinvasion zivile Kriegsopfer in der Ukraine. Gründer Bänz Margot verbringt und verbrachte schon vor dem Krieg einen großen Teil des Jahres in der Südostukraine im Raum Odessa und organisiert dort gemeinsam mit lokalen Helferinnen und Helfern konkrete Nothilfe. Als «Putinversteher» und -apologet kann er deshalb nicht herhalten. Seine Überzeugung ist ebenso schlicht wie schwer zu widerlegen: Die größte humanitäre Hilfe wäre das Ende des Krieges.
Gerade weil die Erfolgsaussichten einer solchen Mission ungewiss sind, überrascht die Tonalität der Berichterstattung von Tamedia. Statt sich mit der grundsätzlichen Idee auseinanderzusetzen, dominiert von Beginn an ein skeptischer Unterton. Schon die Einleitung legt den Fokus auf vermeintliche Unwahrscheinlichkeiten und darauf, weshalb das Vorhaben kaum Aussicht auf Erfolg habe. Selbst der Hinweis auf eine «harzige» Unterschriftensammlung erhält mehr Gewicht als die eigentliche Friedensbotschaft.
Dabei erhebt die Petition gar nicht den Anspruch, diplomatische Verhandlungen zu ersetzen. Auch Adolf Ogi selbst bezeichnet ein offizielles Mandat des Bundesrats als unrealistisch. Ihm geht es vielmehr darum, die öffentliche Debatte wieder stärker auf Wege aus dem Krieg zu lenken. Frieden beginne damit, überhaupt über Frieden nachzudenken – diese Botschaft zieht sich durch die Initiative.
Tamedia scheint dagegen vor allem bemüht, Distanz zu schaffen. Statt die moralische Dimension einer zivilgesellschaftlichen Friedensinitiative herauszuarbeiten, werden einzelne biografische Episoden – etwa Ogis Begegnung mit Putin vor einem Vierteljahrhundert oder organisatorische Details der Petition – ausführlich erzählt, ohne dass daraus ein relevanter Erkenntnisgewinn entsteht. So entsteht der Eindruck, weniger über die Idee als über deren angebliche Naivität berichten zu wollen.
Gerade in einer Zeit, in der militärische Lösungen den Krieg nicht beendet haben und täglich weitere zivile Opfer zu beklagen sind, verdient jeder ernst gemeinte Versuch, Gesprächskanäle offenzuhalten, zumindest eine faire Würdigung. Niemand kann garantieren, dass Adolf Ogi bei Putin oder Selenskyj Gehör fände. Ebenso wenig kann aber ausgeschlossen werden, dass persönliche Gespräche, moralische Autorität und beharrliche Diplomatie Impulse setzen, die offizielle Kanäle nicht zu leisten vermögen.
Human Front Aid erinnert mit seiner Petition an einen Grundsatz, der in der öffentlichen Debatte oft in den Hintergrund gerät: Wer Frieden will, muss den Mut haben, über Frieden zu sprechen – auch dann, wenn Erfolg nicht garantiert ist. Gerade darin liegt der eigentliche Wert der Initiative. Kritisch zu hinterfragen ist deshalb weniger die Petition selbst als die reflexhafte Skepsis, mit der Teile der Medien jeden unkonventionellen Friedensvorstoß begleiten.