Umzingelt von den Achsenmächten und abhängig von Importen kämpfte die Schweiz im Zweiten Weltkrieg um ihr Überleben – zwischen Neutralität und Pragmatismus.
Jakob Tanner ist wohl einer der voreingenommensten unter den seriösen Historikern, die sich mit der Schweizer Neutralität befassen – wie sein Spitzname zeigt, der seit Jahrzehnten und Historikern zirkuliert. Seine Ausführungen sind seit Jahren vom gleichen Muster geprägt. Bereits während der Debatten um den Bergier-Bericht (siehe unten) und die Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg trat «Der rote Tanner» als einer der prominentesten Vertreter einer Sichtweise auf, die die Schattenseiten der Schweizer Politik besonders stark betonte. Dagegen muss eingewendet werden, dass viele der damals als spektakuläre Enthüllungen präsentierten Erkenntnisse – etwa wirtschaftliche Verflechtungen mit dem Deutschen Reich, problematische Flüchtlingspolitik oder wirtschaftliche Profite einzelner Akteure – an Universitäten, in Schulen und Geschichtsbüchern längst thematisiert worden waren.
Auch in den letzten Tagen publizierte Tanner wieder in der NZZ einen Beitrag zur Schweizer Neutralität. Dass die Schweiz zum Beispiel Raubgold aus Deutschland in konvertierbare Franken getauscht hat, ist unbestritten. Anlässlich des Washingtoner Abkommens konnte Bern sich 1945 damit herausreden, dass die Schweiz gutgläubig war. Allerdings war schon in den 80er Jahren belegt, dass man davon gewusst hat. Die interessante Frage ist: warum hat man Raubgold angenommen? Um Kriegsgewinne einzustreichen oder weil Deutschland Druck gemacht hat, um an konvertierbare Franken zu kommen, mit denen man auf dem Weltmarkt alles kriegte?
Das gleiche gilt für die Frage der Waffenlieferungen und des Alpentransits. Wer die Schweizer Politik während des Zweiten Weltkriegs beurteilen will, muss zunächst die Ausgangslage verstehen. Das zentrale Ziel des Bundesrates bestand nicht darin, eine der Kriegsparteien zu unterstützen, sondern das Überleben des Landes zu sichern. Dazu gehörten drei Prioritäten: die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Importen, die Erhaltung von Arbeitsplätzen durch den Export sowie die Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen Landesverteidigung. Gleichzeitig versuchten sowohl die Achsenmächte als auch die Alliierten, die Schweiz möglichst stark für ihre jeweilige Kriegswirtschaft einzuspannen und wirtschaftliche Vorteile dem Gegner vorzuenthalten. Welche Seite dabei zeitweise mehr Einfluss ausüben konnte, hing wesentlich von der militärischen Lage ab.
Besonders deutlich wurde dies nach dem Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940. Die Schweiz war plötzlich von den Achsenmächten umzingelt und sah sich einer deutschen Kohleblockade gegenüber. Kohle war für Industrie, Verkehr und Energieversorgung lebenswichtig. In den anschließenden Verhandlungen verfügte Deutschland über erhebliche Druckmittel: die geografische Umklammerung der Schweiz sowie die Möglichkeit, Lieferungen lebenswichtiger Rohstoffe jederzeit einzustellen. Die Schweiz brachte ihrerseits gewichtige Trümpfe ein: ihren stabilen Finanzplatz, ihre industrielle Produktionskapazität, ihre politische Neutralität und nicht zuletzt die strategisch wichtige Alpentransversale durch die Alpen.
Das Wirtschaftsabkommen vom August 1940 beruhte letztlich auf diesem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Deutschland lieferte Kohle, Eisen, Öl und andere Rohstoffe, während die Schweizer Exportindustrie in erheblichem Umfang für den deutschen Markt produzierte. Dazu gehörten Maschinen, Präzisionsinstrumente, industrielle Erzeugnisse, aber auch Rüstungsgüter und Lebensmittel. Damit hat sie – das ist seit Jahrzehnten allgemein bekannt, das Neutralitätsrecht versetzt. Gleichzeitig blieb die Alpentransversale offen. Bekannt ist, dass der Transport von zivilen Gütern und Dual-use-Gütern durch die Schweiz erlaubt war, nicht aber von Rüstungsgütern. Bekannt ist aber auch, dass das nicht allzu streng kontrolliert wurde.
Parallel dazu gelang es der Schweiz, den Handel mit Großbritannien und Übersee über die Routen via Genua und Spanien aufrechtzuerhalten. Aus dem angelsächsischen Raum bezog sie Nahrungsmittel und Rohstoffe, während sie Maschinen, Instrumente und andere Industrieprodukte exportierte. Kriegsmaterial wurde offiziell nicht an die Alliierten geliefert. Auch damit wurde – auch das ist nicht neu – punktuell das Neutralitätsrecht verletzt.
Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob die Schweizer Wirtschaft durch ihre Lieferungen den Krieg verlängert habe oder ob die Neutralität durch die wirtschaftlichen Beziehungen faktisch ausgehöhlt worden sei. Besonders umstritten sind der sogenannte Clearing-Verkehr und die Kreditgewährung an Deutschland. Im Rahmen des gebundenen Zahlungsverkehrs gewährte die Schweiz dem Deutschen Reich bis 1945 Kredite von insgesamt rund 1,19 Milliarden Reichsmark. Auch hier: das ist nicht neu.
Gerade diese Zusammenhänge zeigen, weshalb einfache moralische Urteile der historischen Realität oft nicht gerecht werden. Die Schweiz bewegte sich in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit, politischer Unabhängigkeit und militärischer Bedrohung. Ihre Politik war weder frei von problematischen Entscheidungen noch auf eine einfache Formel von Schuld oder Unschuld reduzierbar. Sie war vor allem der Versuch eines kleinen Staates, unter außerordentlichen Bedingungen sein Überleben zu sichern.
Tanner gehörte der sogenannten Bergier-Kommission an, einer Historikerkommission, deren Aufgabe es war, die Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg aufzuarbeiten. Sie verfügte über einen privilegierten Archivzugang, eigentlich ein no-go, weil diese Forschungsergebnisse dann nicht wirklich intersubjektiv überprüfbar sind.
Die eigentliche Neuerung bestand bei der Bergier-Kommission weniger in den Fakten als in deren moralischer Gewichtung. In diesem Zusammenhang wird vor allem Tanner von seinen Kritikern häufig in die Nähe eines ideologisch geprägten Geschichtsverständnisses gerückt, das politische und moralische Deutungsmuster stärker gewichtet als die historische Ambivalenz konkreter Entscheidungen. Die Schweiz erscheint bei ihm oftmals weniger als ein kleiner Staat, der unter außerordentlichem Druck schwierige Abwägungen treffen musste, sondern vor allem als Akteur mit erheblichen moralischen Versäumnissen.
Bei Tanner schimmert deshalb die Tendenz durch, komplexe historische Zusammenhänge stark in einen vorgefertigten Deutungsraster einzupassen. Wo andere Historiker die Neutralität als pragmatische Überlebensstrategie eines kleinen Staates verstehen, erkennt Tanner häufig vor allem Anpassung, Versagen, Proftidenken oder Illusionen.
Gerade in der aktuellen Debatte über die Neutralitätsinitiative wird dieser Gegensatz sichtbar. Während Befürworter die Neutralität als bewährtes Instrument zur Wahrung von Unabhängigkeit und Friedensförderung betrachten, bewertet Tanner dieselbe Tradition vor allem durch die Brille ihrer historischen Defizite. Seine aktuellen Artikel zu diesem Thema sind deshalb weniger eine ausgewogene Analyse als vielmehr der Ausdruck einer langjährigen Grundüberzeugung, die den Blick auf jene historischen Erfahrungen verstellt, welche die Neutralität für viele Schweizerinnen und Schweizer bis heute zu einem zentralen Erfolgsmodell machen.