NATO: Vom Verteidigungs- zum Angriffsbündnis

Vor 750 Zuhörern zeichnete Historiker Daniele Ganser in Sempach ein kritisches Bild der NATO. Von Ursula Cross

Die Festhalle Seepark war bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund 750 Besucherinnen und Besucher verfolgten den Vortrag des Schweizer Historikers Daniele Ganser, der sich mit der Rolle der NATO, aktuellen geopolitischen Konflikten und der Bedeutung der Schweizer Neutralität auseinandersetzte.

Ganser eröffnete seinen Vortrag, der unter dem Titel «NATO ein gefährliches Militärbündnis», mit Kritik an der Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Dabei verwies er auf Venezuela, den Konflikt mit Iran sowie auf die Frage nach der Einhaltung des Völkerrechts durch Großmächte. Anschließend schlug er den Bogen zu seiner wissenschaftlichen Arbeit über die sogenannte Operation Gladio – geheime NATO-nahe Netzwerke während des Kalten Krieges –, über die er promoviert und ein Buch veröffentlicht hat.

Im Zentrum des Abends stand die Entwicklung der NATO. Ganser schilderte die Geschichte des Bündnisses von seiner Gründung als Verteidigungsallianz bis zu den militärischen Interventionen der vergangenen Jahrzehnte. Besonderes Augenmerk legte er auf die Bombardierung Serbiens im Jahr 1999 sowie auf die Osterweiterung der NATO, die von Moskau als Provokation empfunden wurde. Anhand dieser zwei Episoden beschrieb er den Wandel der NATO von einem Verteidigungspakt zu einem Angriffsbündnis.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war der NATO-Bündnisfall gemäß Artikel 5 des Nordatlantikvertrags. Dieser verpflichtet die Mitgliedstaaten zur Unterstützung eines angegriffenen Partners. Bislang wurde dieser Mechanismus nur einmal aktiviert – nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.

Am 27. September 2026 stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab. Diese will die «immerwährende und bewaffnete Neutralität» ausdrücklich in der Bundesverfassung verankern und damit einen NATO-Beitritt ausschließen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage der zukünftigen Ausrichtung der Schweizer Außen- und Sicherheitspolitik zusehen: Annäherung an die NATO oder Neutralität als historisch bewährtes Erfolgsmodell, das die Schweiz aus internationalen Konflikten heraushält?

Der große Publikumsaufmarsch zeigte jedenfalls, dass diese Fragen weit über politische Fachkreise hinaus bewegen. Angesichts internationaler Spannungen und wachsender geopolitischer Unsicherheiten dürfte die Debatte bis zur Abstimmung weiter an Intensität gewinnen.

Stimmen zur Neutralitätsdebatte

Die Schweiz stimmt am 27. September 2026 über die Neutralitätsinitiative ab. Die Initiative will die «immerwährende und bewaffnete» Neutralität in der Verfassung verankern. Ein Beitritt der Schweiz zur NATO wäre nach Annahme der Initiative nicht mehr möglich. Dazu die Einschätzungen und Analysen von verschiedenen Persönlichkeiten.

Der US-Politologe John Mearsheimer: «Die Schweizer Neutralität ist ein strategischer Schatz, der sich über Jahrhunderte bewährt hat (…) Neutralität ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von strategischem Weitblick… Die Schweiz sollte sich Finnland nicht als Vorbild nehmen… Ein klarer strategischer Fehltritt… Der NATO-Beitritt von Finnland war unnötig.» Quelle: Weltwoche vom 21. August 2025

Christoph Pfluger: Der Schweizer Journalist setzt sich für die Neutralität ein und sagt: «Neutralität hält uns raus aus Kriegen und Rüstungswahnsinn! Quelle: Frieden zahlt sich aus. Publiziert auf christoph-pfluger.ch, 29. August 2026

Roger Köppel, Schweizer Journalist, betont die Neutralität: «Die Eskalationsgefahr im Ukrainekrieg ist so gross wie nie. Was heisst das für die Schweiz? Sie muss sich auf ihre traditionelle Neutralität besinnen. Der Bundesrat soll aufhören mit dem Wirtschafts- und Sanktionskrieg gegen Russland». Quelle Roger Köppel: Selenskyys Spiel mit dem Feuer. Weltwoche 6. Juni 2025

SVP-Altbundesrat Christoph Blocher unterstützt die Neutralitätsinitiative. Mit der Übernahme der Russland-Sanktionen sei die Schweiz zur Kriegspartei geworden, kritisierte Blocher. Quelle Bundesrat sagt nein zur Neutralitätsinitiative. Blick 26. Juni 2024

«Die Schweiz sollte militärisch und wirtschaftlich neutral bleiben, fordert Pascal Lottaz, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Kyoto. Er kritisiert: «Wirtschaftlich verhielt sich die Schweiz während der jüngsten Kriege nicht neutral. Im Konflikt zwischen Russland, den USA und der NATO hat sich die Schweiz auf die Seite der USA geschlagen und macht bei den verhängten Sanktionen mit.» Quelle Pascal Lottaz: Eine strikte Neutralität als aussenpolitische Maxime. Infosperber 10. Mai 2026

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