Angesichts wachsender internationaler Konflikte rückt die Schweizer Neutralität erneut in den Fokus. Ein Interview mit Jacques Baud zeigt, weshalb sie weit über die Außenpolitik hinausreicht. Von Ursula Felber
Die Welt wird nicht ruhiger – im Gegenteil. Internationale Konflikte nehmen zu, Fronten verhärten sich und diplomatische Lösungen werden immer schwieriger. Vor diesem Hintergrund erhält die Schweizer Neutralität neue Aktualität. Im September stimmt die Bevölkerung über die Neutralitätsinitiative ab. Gedanken dazu liefert ein Interview der Weltwoche mit Jacques Baud.
Baud war Oberst im Generalstab der Schweizer Armee und war sowohl für die NATO als auch in verschiedenen Funktionen für die UNO tätig. Mitte Dezember 2025 wurde er von der Europäischen Union auf die Sanktionsliste gesetzt. Nach seinen Angaben wurde ihm bis heute kein rechtliches Gehör gewährt.
Für Baud ist die Neutralität einer der größten Schätze der Schweiz. Obwohl das Land geografisch klein sei, habe es dank seiner Neutralität seit deren Anerkennung durch die Großmächte im Jahr 1815 eine besondere Stellung in der Welt eingenommen. Die Neutralität schaffe einen Raum, in dem Gespräche möglich seien und Konflikte vermittelt werden könnten.
Nach seiner Auffassung ist Neutralität weit mehr als ein außenpolitisches Prinzip. Sie prägt auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Eine funktionierende Demokratie lebe davon, dass unterschiedliche Meinungen geäußert, kontrovers diskutiert und veröffentlicht werden können. Wer Neutralität ernst nehme, müsse auch bereit sein, die freie Rede und die Meinung des anderen zu akzeptieren. Gerade in einer Zeit wachsender Polarisierung sei diese Haltung wichtiger denn je.
Baud bezeichnet Neutralität als eine Dienstleistung für den Frieden. Sie fördere Unabhängigkeit, Toleranz und gegenseitigen Respekt, ohne zu verlangen, dass alle derselben Meinung sein müssten. Dadurch werde die Gesellschaft menschlicher und dialogfähiger.
Besonders eindrücklich sind die Schlussworte des Interviews. Baud erinnert sich an einen Einsatz während des Ruandakriegs. Ein aufgebrachter Ruander habe ihn aggressiv gefragt, ob er Franzose sei. Als Baud auf das Schweizerkreuz an seinem Militärgürtel verwies, habe sich die Situation schlagartig verändert. Der Mann sei ruhig geworden und habe zugehört. Für Baud war dies ein persönliches Schlüsselerlebnis: «Die Neutralität hat mir das Leben gerettet. Dank meiner Fahne. Es hat ein bisschen Frieden auf kleiner Ebene gebracht.»