Warnungen vor russischer Propaganda ja, Ratschläge aus Stockholm unwidersprochen: Tamedias selektive Empörung
Wer in den letzten Wochen die Zeitungen des Tamedia-Konzerns (Tagesanzeiger) gelesen hat, kennt das Muster: Fast im Wochentakt wirft man Russland vor, sich in die Abstimmung vom 27. September über die Neutralitätsinitiative einzumischen.

Marco Diener hat die Sache bei Infosperber in verdankenswerter Gründlichkeit aufgearbeitet.
Ende Juli wurde ein russisches Positionspapier zur Demokratie süffisant kommentiert,
Anfang August ein Bericht über Desinformation durch den Sender Russia Today,
Mitte August drohender parlamentarischer Widerstand gegen russische Propaganda.
Selbst Bundesrat Cassis‘ gelassene Reaktion, die Stimmbevölkerung sei reif genug, solche Kommentare einzuordnen, galt als Enttäuschung. Ende August geriet der frühere Andermatter Gemeindepräsident ins Visier, der wegen der Pflege des Suworow-Denkmals in der Schöllenenschlucht schon vor Jaahrzehnten gute Beziehungen zu Russland aufgebaut hatte.
Ganz anders die Tonlage, wenn die Ratschläge aus Schweden kommen. Der frühere Ministerpräsident Carl Bildt durfte im ganzseitigen Interview unwidersprochen erklären, die Schweiz solle sich (mit einem Ja zur Neutralitätsinitiative) für die Zukunft nicht die Hände binden und brauche glaubwürdige Streitkräfte, und er nannte das Munitions-Exportverbot an die Ukraine peinlich. Von ausländischer Einmischung war keine Rede.
Publizist Marco Diener bringt die Schieflage in seiner Medienkritik für Infosperber auf den Punkt: Man wünsche sich von den Tamedia-Redaktionen «ein bisschen mehr Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Stimmberechtigten». Wer Einmischung nur bei einer Seite anprangert, schwächt die eigene Glaubwürdigkeit. Eine Schweiz, die ihre Neutralität ernst nimmt, verdient eine Debatte mit gleichem Massstab für alle auswärtigen Stimmen.
Marco Diener/Infosperber: Tamedia-Zeitungen: Der Schwede ist gut, der Russe ist böse. 26.8.2026