Die Schweiz kaufte den F-35 mit dem Versprechen, ihre Sicherheit zu stärken. Militärexperte Albert Stahel stellt die Beschaffung grundsätzlich infrage. Damit rückt auch die Neutralität ins Zentrum.
Die Beschaffung des US-amerikanischen Kampfflugzeugs F-35 sollte die Schweizer Luftverteidigung für Jahrzehnte sichern. Doch je genauer man hinschaut, desto drängender werden die Fragen: Erhält die neutrale Schweiz (Aussage von Außenminister Cassis am Tag der Abstimmung über die Neutralitätsinitiative) tatsächlich das Kampfflugzeug, das sie für die eigenständige Verteidigung ihres Luftraums benötigt? Oder bindet sie sich mit einem Milliardenprojekt militärisch immer enger an die USA und die NATO?
Der Militärexperte Albert Stahel kritisiert in seinem Beitrag vom 5. Oktober die Wahl des F-35A grundsätzlich. Seiner Einschätzung nach sei das Flugzeug weniger für die klassische Luftverteidigung eines Kleinstaates ausgelegt als vielmehr für offensive Einsätze gegen Bodenziele. Während Mehrzweckkampfflugzeuge wie der wesentlich günstigere schwedische Gripen gegnerische Flugzeuge abfangen und bekämpfen können, sieht Stahel den F-35 stärker in der Rolle eines Jagdbombers, der Angriffe tief im gegnerischen Gebiet ermöglicht. Daraus leitet er die Frage ab, ob die Schweiz mit ihrer Beschaffung tatsächlich ihre eigene Verteidigungsfähigkeit stärkt – oder ob sie sich damit auch für Aufgaben im Interesse der NATO positioniert.
Diese Kritik berührt den Kern der damaligen Abstimmungsdebatte. Dem Stimmvolk wurde die Beschaffung als notwendige Investition in den Schutz des Schweizer Luftraums und die Sicherheit des Landes präsentiert. Doch wenn das gewählte Flugzeug nach Stahels Analyse nur begrenzt zur eigenständigen Verteidigung beiträgt und seine Stärken vor allem in anderen Einsatzrollen liegen, stellt sich die Frage, ob die damaligen Versprechen der politischen Realität standhalten. Ein teures Kampfflugzeug allein garantiert noch keine wirksame Landesverteidigung. Entscheidend ist, ob seine Fähigkeiten zum tatsächlichen Bedarf der Schweiz passen.
Hinzu kommt die strategische Abhängigkeit. Der F-35 ist ein hochkomplexes amerikanisches Waffensystem, dessen Betrieb und Weiterentwicklung eine langfristige Zusammenarbeit mit dem Herstellerland voraussetzen. Damit stellt sich nicht nur eine technische oder finanzielle Frage, sondern auch eine politische: Wie eigenständig kann die Schweiz im Ernstfall entscheiden, wenn sie auf ein ausländisches System und dessen Unterstützung angewiesen ist? Und wie glaubwürdig bleibt ihre Neutralität, wenn ihre militärischen Fähigkeiten zunehmend auf eine Technologie ausgerichtet sind, die auch von NATO-Staaten genutzt wird?
Dabei bedeutet die Beschaffung eines amerikanischen Kampfflugzeugs nicht automatisch, dass die Schweiz ihre Neutralität verletzt oder der NATO angehört. Doch Neutralität ist mehr als eine formelle Erklärung. Sie setzt voraus, dass ein Staat seine Sicherheitspolitik möglichst eigenständig gestalten und sich aus fremden Konflikten heraushalten kann. Deshalb muss die Schweiz genau prüfen, welche Abhängigkeiten sie mit einem solchen Rüstungsentscheid eingeht – und welche Einsatzmöglichkeiten sie sich damit tatsächlich eröffnet.
Stahels Kritik wirft somit eine grundlegende Frage auf: Wurde der F-35 vor allem beschafft, um die Schweiz zu verteidigen, oder passt er auch in eine sicherheitspolitische Ausrichtung, die sich stärker an den Bedürfnissen westlicher Militärbündnisse orientiert? Eine abschließende Antwort lässt sich aus der Flugzeugwahl allein nicht ableiten. Umso wichtiger wäre eine offene Debatte über die tatsächlichen Fähigkeiten, die langfristigen Abhängigkeiten und die strategischen Ziele hinter dem Milliardenprojekt.
Wer dem Volk verspricht, die Sicherheit und Eigenständigkeit der Schweiz zu stärken, muss sich daran messen lassen. Wenn die gewählte Lösung zugleich neue Abhängigkeiten schafft und Zweifel an ihrer Eignung für die eigenständige Landesverteidigung aufwirft, reicht der Verweis auf moderne Technologie nicht aus. Dann braucht es nachvollziehbare Antworten – gerade auch mit Blick auf die Neutralität. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie fortschrittlich ein Kampfjet ist, sondern ob er der Schweiz dient und ihre Fähigkeit bewahrt, im Ernstfall selbstbestimmt zu handeln.
In den 1930er-Jahren modernisierte die Schweiz unter Bundesrat Rudolf Minger ihre veraltete Luftwaffe und beschaffte die damals moderne Messerschmitt ME 109 aus Deutschland. Im Frühjahr 1940 bewährte sich der Jäger bei der Abwehr deutscher Luftraumverletzungen: Bei den Luftkämpfen über der Schweiz wurden zwölf deutsche Flugzeuge abgeschossen, während die Schweiz fünf Jagdflugzeuge verlor. Die deutsche Führung reagierte wütend und setzte Bern unter Druck – ein Zeichen dafür, dass die Schweizer Luftwaffe ihre Aufgabe ernst nahm.
Der historische Vergleich zur heutigen F-35-Beschaffung liegt auf der Hand: Damals beschaffte die Schweiz ein modernes Jagdflugzeug, das sich im konkreten Einsatz zur Verteidigung des eigenen Luftraums bewährte. Heute stellt sich die Frage, ob der F-35 ebenso konsequent auf die eigenständige Landesverteidigung ausgerichtet ist oder ob seine Fähigkeiten und die Abhängigkeit von den USA auch andere strategische Interessen bedienen. Die Bf 109 war 1938 nicht deshalb die richtige Wahl, weil sie aus Deutschland kam, sondern weil sie dem damaligen Bedarf der Schweiz entsprach. Genau an diesem Massstab muss sich auch der F-35 messen lassen.