Zwischen Friedensappellen und Neutralitätsdebatten: Kurt Scherrer schildert seine persönlichen Eindrücke vom Berner Oster-Friedensmarsch 2026 – engagiert, kritisch und nachdenklich.
Jetzt auch noch der Krieg gegen den Iran! Wozu nur, frag ich mich, wem soll der nützen. Cui bono –– zu wessen Vorteil? Es ist verrückt, die Welt gerät aus den Fugen. Der Bundesrat forciert in Riesenschritten und neuerdings sogar sofort –– sogenannt «verzugslos», also ohne jegliche vorangehenden parlamentarischen Debatten oder Beschlüsse –– die weitgehende Kooperation mit der NATO, schürt dauernd Kriegsängste, liebäugelt massiv mit der EU, und will milliardenschwere Abwehrsysteme kaufen, die im Nahen Osten zurzeit grad jämmerlich versagen. Dafür habe ich unsere Politiker nicht gewählt, dass sie unsere sauer verdienten und brav gezahlten Steuergelder für sinn- und maßlose Aufrüstung mit vollen Händen zum Fenster rausschmeissen und darüber hinaus kaum einer unter ihnen den offensichtlichen Widerspruch, ja klaren Verstoß bezüglich des Neutralitätsgebots in unserer Verfassung, anprangert.
Neuerdings wird der Bundesrat den USA sogar bereits im Voraus bezahlte 650 Millionen Franken unseres Geldes vermutlich einfach so überlassen, sprich verschenken müssen, weil die entsprechenden Rüstungskaufverträge sich nachträglich als mangelhaft herausgestellt hätten. Wozu haben wir eigentlich unsere parlamentarischen Sicherheitskommissionen? Was tun deren Mitglieder jeweils hinter verschlossenen Türen? Darüber hinaus sägt der Bundesrat, angeblich zum eigenen wie zum Frieden in der Welt, seit vielen Jahren ungerührt immer weiter an der Glaubwürdigkeit der bewährtesten aller Schweizer Staatsstützen, der Neutralität, und spricht sich offen auch gegen die Neutralitätsinitiative aus, die im Herbst zur Abstimmung an der Urne kommen wird. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir angesichts dieser mutwilligen Sabotagen die Schweizer Neutralität endgültig werden zu Grabe tragen müssen? Ja, die Welt steht wirklich Kopf, es ist unerträglich, ich kann nicht länger zuschauen, ich muss etwas tun, bin nun in Pension, habe Zeit.
Nach zweieinhalb Stunden Anfahrt bin ich –– parteilos –– jetzt mitten im Berner Ostermarsch für den Frieden, zum ersten Mal persönlich, und halte eine Schweizerfahne mit Schriftzug zur Neutralität in die Höhe, mit einer großen Friedenstaube im weissen Schweizerkreuz. Die Stimmung ist locker und friedlich, der Uferweg entlang der Aare von Wabern nach Bern bei frühlingshaftem Wetter sehr schön, viele regenbogenfarbige Peace-Fahnen dominieren das Bild und die Schwelle zu Gesprächen untereinander ist niedrig. Man versteht sich, ist sich einig, man will ein friedliches Leben und Frieden in der Welt. Der Demonstrationszug stockt immer wieder, ich gehe trotzdem weiter vorwärts, will schauen, ob ich in der Menge noch jemanden treffe, den oder die ich kenne, beobachte zahllose neugierige Blicke auf meine etwas andere Fahne und erhalte zwar nur wenige Worte dafür, aber viel zustimmend-lächelndes Kopfnicken, viele stumme und doch sehr beredte Zeichen etwa mit dem Daumen nach oben, und keine einzige negative Äußerung irgendwelcher Art.
Irgendwann –– wir kommen langsam vor die Stadt Bern, man sieht von fern bereits die ersten wartenden Fotographen und TV-Kameras –– komme ich in der langen Menschenschlange ganz vorne an, dort, wo mehrere Menschen wie ein pfadender Straßenpflug ein großes, breites Banner vor sich hertragen mit dem diesjährigen Motto: «Wir sind viele –– Widerstand gegen Krieg, Gewalt und Unterdrückung stärken!» Ich persönlich hätte ein deutlich kräftigeres Motto gewählt; aber na ja. Der Zug stockt wieder, da dreht sich unvermittelt einer dieser Frontbannerträger um, beobachtet mich einen Moment und kommt dann entschlossen und direkt auf mich zu.
«Ah, den kenn ich doch», schießt es mir durch den Kopf, «den kenn ich aus den Medien, der war doch mal grüner Nationalrat!»
Das gehe nicht, spricht er mich ohne Begrüßung ungehalten an, dass ich mit der Neutralitätsfahne hier in der vordersten Gruppe mitlaufe. In forschem Ton bittet er mich, nein fordert er mich ultimativ auf, sofort nach weiter hinten in die Menschenmenge zu gehen. Dieser Jo Lang kommt mir grad geschliffen, denke ich für mich und sage nur:
«Wieso? Neutralität ist doch Frieden!»
Nein, meint er ziemlich ungehalten, er sei gegen die Neutralität, und das gehe nicht, dass ich mit meiner Fahne hier in der vordersten Gruppe des Demonstrationszuges mitlaufe. Ich sage nochmals:
«Aber wieso?», und füge an: «Ich weiß schon, wie der Jo Lang denkt, aber nochmals: Neutralität ist Frieden! Und wir sind doch hier an einer Friedensdemo, oder nicht?»
Nein, das stimme nicht mit der Neutralität, wehrt er ab, er sei dagegen, ich solle jetzt sofort nach hinten, dort dürfe ich ja dann mitlaufen. Ich reagiere wortlos, hebe nur erstaunt die Brauen, schüttle den Kopf und bleibe wo ich bin. Er brummelt etwas von Respekt, den ich zeigen solle, schaut gleichzeitig nach vorne und sieht die wartenden Foto-, Video- und TV-Kameras in Sichtweite. Er schimpft noch etwas Unverständliches vor sich hin, wendet sich schnell und offensichtlich ziemlich verärgert und wütend ab, geht zurück an seinen prominenten Frontplatz als Bannerträger, dreht sich dort aber lange Zeit alle paar Schritte wieder kurz um und beobachtet stets, ob ich immer noch da oder vielleicht doch endlich nach weiter hinten verschwunden sei.
Ich rechne eigentlich nochmals mit ihm und bin fast etwas enttäuscht, dass er nicht nochmals kommt. Vielleicht wäre ja grad er derjenige gewesen, der mich von meinem Irrtum bezüglich Neutralität endlich hätte überzeugen können; etwa dass die offizielle politische Schweiz viel mutiger wäre, wenn sie international endlich Stellung beziehen, Partei ergreifen und sich dann anderen, größeren Nationen anschließen würde; wenn unser Land gemeinsam mit diesen und unserer Zukunft, unseren Nachkommen, Seite an Seite gegen irgendwelche Feinde kämpfen und dabei immer daran denken würde, dass unsere Jungs für unser Land und unsere Demokratie, für unsere sogenannte wertebasierte Ordnung, heldenhaft ihr Leben lassen werden.
Aber nein, es kommt nicht zu einem mit Spannung erwünschten, argumentativ-sachlichen Austausch zwischen einem grünen Wortführer und mir als parteilosem, einfachen Bürger, der sich immerhin als Teil der schweigenden Schweizer Mehrheit sieht und findet, dass es höchste Zeit ist, dass dieser weitgehend unauffällige, stumme Teil der Schweizer Bürgerinnen und Bürger endlich aufwacht und seine Stimme erhebt. Herr Lang jedenfalls hat jetzt keinen Bock auf ernsthafte Gespräche beziehungsweise erst recht keine Zeit angesichts des bevorstehenden großartigen und medial so fleißig begleiteten Einzugs in die Stadt…
Der Demonstrationszug kommt schließlich auf dem Münsterplatz an, die Menschen verteilen sich. Eine linke Jungpolitikerin, Zürcher SP-Kantonsrätin, hält auf der Bühne am Mikrophon die Hauptrede, redet laut und in drängendem, engagiertem Ton, liest ihre Worte von ihrem Handy ab. Sie plädiert für Sicherheit und fordert «Frieden schaffen ohne Waffen», fordert mehr Geld für soziale Sicherheit und Gewaltprävention. Friede sei nicht einfach die Abwesenheit von Krieg, sondern bedeute Arbeit, und Friedenspolitik sollte Konflikte, die es halt gibt, «tragfähig werden lassen» –– was immer denn das heißen mag.
Und bemerkenswert: Die Stärke der Schweiz bestehe in ihrer politischen Verlässlichkeit. Wie bitte? Was versteht sie wohl darunter, ich meine, auch hier, konkret? Wieso sagt sie nicht frei heraus, dass die weltberühmte und oft bewunderte Schweizer Zuverlässigkeit und eben gerade ihre allseitige Verlässlichkeit weitestgehend ihrer langjährigen, diskreten und vor allem strikt neutralen Diplomatie zu verdanken ist? Sagt es die Rednerin deshalb nicht, weil der Herr Jo Lang dagegen ist?
Insgesamt bin ich nicht überrascht, höre nebst den üblichen politischen Schlagwörtern betreffend Ablehnung von Aufrüstung und Kriegen sowie allgemeinen Pauschalforderungen nach Frieden kaum Differenzierteres oder gar wirklich Substanzielles, das den Weg zum friedlichen Zusammenleben der Völker auf der Welt ebnen könnte. Immerhin findet irgendwann die aktuelle Initiative für ein nationales Waffenausfuhrverbot Erwähnung. Schließlich wollen wir ja alle keinen Krieg. Ich kenne kein Volk auf der Welt, das Krieg will, das Krieg fordert. Es sind immer die Politiker und Regierungen, die Krieg führen wollen, aber bestimmt nie zum Wohle ihres Volkes.
Vielleicht müssten wir, das Volk oder zumindest deren Vertreter, doch ernsthafter zusammensitzen und uns darüber unterhalten, wie etwa der Weg dorthin, weit über platte Forderungen hinaus, erfolgversprechend aussehen könnte!
Ich meine, die vielen Kriege, die Millionen leidender Menschen, das ganze Elend und das Chaos in der Welt wären nicht nötig, wären absolut vermeidbar und zeugen doch vom kompletten Versagen der vorwiegend westlichen Politiker und Regierungen. Nehmen wir also endlich mal ernstlich, ehrlich und schonungslos zur Kenntnis, dass die meisten von ihnen nicht das tun, wofür wir sie gewählt haben und was sie uns, dem Volk, versprochen haben zu tun. Sie sind doch überwiegend nicht beseelt von Freiheitsverteidigung und Friedenserhalt für uns Menschen, sie lassen sich im Amt mehrheitlich von anderen Interessen leiten, und wir bezahlen sie erst noch fürstlich dafür! Oder mit den Worten von Otto von Bismarck: Staaten handeln nicht nach Freundschaft, sondern nach Interessen; will also heißen, Politik orientiert sich an Interessen und nicht an Menschen, Gefühlen oder moralischen Verpflichtungen.
Die Frage ist also nicht, dass die verantwortlich Regierenden endlich hören sollen, was sie zur Friedensförderung längst hätten machen sollen, sondern vielmehr, was wir alle selbst endlich machen können, machen sollten, ja machen müssen, wenn wir den Mut aufbringen sollten, vorab eingehend diskutierte und gemeinsam beschlossene Konsequenzen endlich zu ziehen, verbindlich einzufordern und wirklich durchzusetzen, sofern es uns mit dem Frieden in der Welt wirklich ernst sein sollte.
Diese Aufgabe werden wir als Demokraten, so wir denn wirklich welche sind, niemals bequem und einfach delegieren können. –– Und zur Berner Veranstaltung: War’s das heute wirklich schon? Mein Fazit fällt kritisch aus, und ich frage mich, ob ich künftig nicht besser auch die Ostermontage für konkrete Aufklärungs-, Schulungs-, Bewusstmachungs- und echte Friedensarbeit einsetzen sollte. Mit gemischten bis zwiespältigen Gefühlen verabschiede ich mich schließlich wieder von der Bundeshauptstadt und trete meine lange Heimreise an.