7 Tage Moskau Retour – Ein Augenschein

Es wird viel über Russland geschrieben, das meiste ihm Rahmen üblicher westlicher Propaganda, um ein bestimmtes Feindbild zu kultivieren – was u.a. den elenden Krieg in der Ukraine begünstigt hat. Wir haben diesen Sommer während unserer privaten 7-tägigen Moskau-Reise selber einen Augenschein genommen. Das nachfolgende Stimmungsbild soll so weit möglich schonungslos offenbaren, wo das Land und die Leute gerade stehen.

Die gelinde gesagt schwierige Einreise bei der Passkontrolle zeigte ein zutiefst misstrauisches Russland. Das nach langwierigem Prozess erlangte Visa spielte hier keine Rolle. Die Beamten schienen ihrer Willkür freien Lauf zu lassen – wohl kaum auf Anweisung vom Kreml., der im eigenen Interesse (immer noch) auf gute Beziehungen mit dem Westen bedacht ist. Ein freundlicher junger Zahnarzt aus Israel erzählte von Einreisenden, die 5 Stunden lang warten mussten, ohne Pass, ohne Mobilfunkverbindung nach aussen. Wir kamen mit insgesamt 1.5 Std., voneinander isoliert, inkl. strengem Verhör, noch relativ gut weg. Der Israeli beklagte sich, dass heute alle gegen sein Land seien, wegen weltweitem «Brainwashing». Warum das wohl so sei? Eben wegen Brainwashing. War es vielleicht eher umgekehrt, dass die Leute in Israel – wie bei uns – unter Brainwashing leiden?

Auch in Moskau scheuten wir vor unbequemen Fragen nicht zurück und wollten wissen, wie es den Leuten geht, wie sie mit der Inflation und der Benzinknappheit zurechtkommen, wie sie den Krieg sehen. Es liegt in der Natur der Leute, dass sie nicht gerne über sich und die Situation reden. Die meisten kämpfen mit der hohen Inflation. Der unzufriedene Taxifahrer aus Armenien denkt, dass die Preise auf gewissen Produkten seit 2 Jahren gefühlt etwa 2 bis 3 mal gestiegen seien und die Lebensqualität in Armenien inzwischen besser sei als in Moskau. Die Grundnahrungsmittel werden jedoch subventioniert. Wie bei uns gibt es in Russland viele Einwanderer, v.a. aus Nachbarländern, was teilweise kulturelle Differenzen schafft. Die Regierung hat deshalb vorsorgliche Massnahmen beschlossen, um asoziale oder kriminelle Migranten ausschaffen zu können.

Die exklusiven, trendigen Restaurants und Designer-Kleider können sich nur noch wenige leisten.; On-Schuhe sind dennoch stark präsent. Die guten Lokale sind sehr spärlich besucht, auch in unserem Hotel mit übrigens sehr üppigen Frühstücksbuffet. Und wir haben im exklusiven Japan-Restaurant noch nie so gut gegessen, bei fast gleichen Preisen wie hierzulande.

Da in der Sommerzeit die meisten Moskauer zur Datscha aufs Land fahren, ist die Stadt wenig bevölkert Im Kreml-nahen Viertel Arbat ist neben vielen asiatischen Touristen auch ein lebensgrosses Standbild von Chinas Präsident Xi vor dem Souvenirladen platziert. Es gibt anscheinend viele Chinesen, die jetzt russisch lernen und umgekehrt Russen, die chinesisch lernen. Das futuristisch angehauchte riesige Shopping Center mit Snackbars und Restaurants ist, auch im Vergleich zu hiesigen, relativ gut besucht. Dabei gleicht die Kosmetikabteilung mit zahlreichen jungen Frauen einem Bienenhaus.

Auf der Fahrt zu gut besuchten Klöstern auf dem Land, rund 2 Std. von Moskau entfernt, fällt auf, dass immer noch einige Kirchen unter Renovation stehen. Wir sehen teils sehr lange Autoschlangen vor den Tankstellen – wobei nur 20 Liter pro Auto erlaubt sind. Unsere (patriotische) Fahrerin sieht dies jedoch gelassen und weiss sich zu organisieren. Ihre Kollegin, eine mit laufenden Renovationen beschäftigte Kloster-Architektin, hasst hingegen den aggressiven russischen Propagandisten und Showmaster Soloview – der übrigens, anders als bei uns behauptet, vom Kreml mehr geduldet als geschätzt wird. Die meisten Russen sehen das ähnlich, hüten sich jedoch vor offener Kritik, da der geschickte Manipulator eine starke Lobby hinter sich wähnt. Derweil verfolgen seine TV-Sendungen nicht wenige der älteren Generation und weniger Gebildete. So lässt sich vielleicht erklären, dass praktisch alle den Krieg als notwendiges Übel zur Verteidigung ihres Landes dulden. Sollte der Fortbestand Russlands existenziell gefährdet sein, würden sie (im absoluten Notfall) auch einen Angriff auf Europa nicht ausschliessen. Doch auch wegen der schmerzhaften Geschichte hat niemand in diesem riesigen Land Eroberungsgelüste, auch nicht die Regierung. Doch die Infrastruktur leidet unter den steigenden Ausgaben der Kriegskasse und an einzelnen Orten hat. die Sauberkeit etwas nachgelassen. Im Dorf der Klöster sind viele alte Häuser noch nicht an die Kanalisation angeschlossen, was ein hygienisch einwandfreies Leben erschwert. Doch die Leidensfähigkeit und Geduld des russischen Volkes sind auch aufgrund seiner schmerzhaften kommunistischen Vergangenheit hoch.

Durch die zunehmenden Drohnenangriffe halten die Meschen noch mehr zusammen, gegen den (hartnäckigen) ‘Feind’ vom Westen. So kann denn die Regierung auf den Rückhalt der Bevölkerung zählen, auch bei der Jugend. Dankbar über ihre neue Heimat äussern sich zwei junge Ukrainer, die unabhängig voneinander mit ihren Eltern nach Russland geflüchtet sind. Sie arbeiten und sind mit ihrer Situation nach eigenen Angaben rundum zufrieden, würden jedoch gerne (wie unsere Jugend) ins Ausland gehen, was momentan eher schwierig ist.

Die gender-/identitätsneutralen Toiletten an manchen Orten, sogar oder gerade in der Verwaltung, könnten darauf hinweisen, dass die (zugelassene) westliche Beeinflussung stark ist, nicht zum Gefallen der traditionell-christlich ausgerichteten Regierung, Und es lässt u.a. darauf schliessen, dass Russland trotz zwangsläufiger Einschränkungen keine Diktatur ist.

So abgeschottet, wie viele behaupten, ist das Land mitnichten. In den Nachrichten wird erstaunlich neutral aus allen Weltregionen berichtet. Trumps Eskapaden werden, anders als bei uns, eher amüsiert als feindselig verfolgt, generell eher verhaltene Kritik am Westen. Ein junger EDV-Spezialist verweigert sich jedoch den staatlichen Nachrichtensendern und verlässt sich wie viele – auch unsere Jugendlichen – lieber auf seine Social Media-Kanäle. Dennoch würde er ein Nachgeben Russlands gegen dessen Interessen ablehnen, inkl. Gebietsabtretungen. Kompromisse sind also wenig erwünscht – weshalb dieses Land u.a. kaum für die viel propagierte sog. «westliche Demokratie» geeignet sein dürfte(?).

Unser Fazit: Das Leben in Moskau gestaltet sich trotz Krieg weitgehend frei und hat sich unseren westlichen Gepflogenheiten schon längst angeglichen, inkl. Umweltprogramme mit Elektroautos und zahlreichen Elektrobussen. Das Land stellt sich ähnlichen Herausforderungen wie hierzulande.
Bei unserer Rückkehr in die Schweiz fiel uns jedoch der Kontrast zur Stimmung in Russland auf: So viel medial gesteuerter Hass und Hysterie wie bei uns ist in Russland undenkbar. Die Menschen halten durch und sind ungemein liebenswert. Sie eilten uns immer wieder ungefragt zu Hilfe, waren kommunikativ. Die Haltung ist, trotz anhaltender Kriegstreiberei vom Westen, entspannt und zurückhaltend: keinerlei Feindseligkeit, keine Aggression, keine Angst, keinen Hass – dafür Hoffnung. Alle wollen, dass der Krieg endlich vorbei ist.

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