Die Umfrage der Tamedia zur Neutralitätsinitiative zeigt nicht ihre Unwichtigkeit, sondern wie ihre strategische Bedeutung noch immer unterschätzt wird.
54 Prozent Nein, 34 Prozent Ja: Gemäss einer Umfrage hat die Neutralitätsinitiative, über die am 27. September abgestimmt wird, derzeit keine Mehrheit. Für SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi ist das jedoch kein Grund zur Sorge. Seine Priorität liege im Kampf gegen die neuen EU-Verträge; die Neutralitätsinitiative bleibe zwar wichtig, stehe aber derzeit nicht an erster Stelle.
Gerade diese Gewichtung könnte sich als strategischer Fehler erweisen. Denn die europäische Integrationsgeschichte zeigt ein klares Muster: Fast alle Staaten, die heute Mitglied der EU sind, traten zuerst der NATO bei. Die militärische Anbindung ging der politischen Integration meist voraus. Sicherheits-, Rüstungs- und Aussenpolitik wurden schrittweise harmonisiert – der EU-Beitritt war oft nur noch der nächste logische Schritt.
Auch in der Schweiz wird die Neutralität zunehmend aufgeweicht. Militärische Kooperationen mit der NATO, gemeinsame Übungen, Datenaustausch und die Übernahme von Sanktionen verändern die sicherheitspolitische Ausrichtung des Landes bereits heute. Wird die Neutralität nicht verfassungsrechtlich gestärkt, könnte sie weiter ausgehöhlt werden – unabhängig davon, wie die Debatte über die EU-Verträge ausgeht.
Wer die Unabhängigkeit der Schweiz bewahren will, sollte deshalb nicht zuerst die EU-Frage und erst danach die Neutralität verteidigen. Die Neutralität ist das Fundament der schweizerischen Eigenständigkeit. Wird dieses Fundament geschwächt, verlieren auch direkte Demokratie, Föderalismus und Souveränität ihren wichtigsten Schutz. Die Reihenfolge ist entscheidend: Zuerst die Neutralität sichern – dann erübrigen sich viele Integrationsschritte von selbst.
Noch eine Bemerkung zur Qualität der Umfragen des Leewas-Instituts:
Das Institut LeeWas erstellt für Tamedia/20 Minuten «repräsentative» Umfragen aus offenen Online-Befragungen der eigenen Leserschaft. Personen ohne Internet sind ausgeschlossen, die Stichprobe ist selbstselektiert, und Repräsentativität wird erst nachträglich per Modell hergestellt – auf einer nicht prüfbaren Annahme und mit geheimer Gewichtung. Die Richtungsprognose (Ja/Nein) stimmt fast immer, doch die Genauigkeit liegt im Schnitt bei 6,5 bis über 8 Prozentpunkten Abweichung – kaum besser als klassische Telefonumfragen. Bei CO2-Gesetz und Kinderabzügen lag LeeWas sogar falsch.
Weitere Infos von Infosperber, Tagesanzeiger und Leewas (pdf)
Quellen:
Watson: SVP droht nächste Pleite: Neutralitäts-Initiative gemäss Umfrage zurzeit chancenlos. 21.6.2026
Zentralplus: Neutralitätsinitiative schwächelt – Aeschi sieht andere Prio. 21.6.2026
swissinfo: Neutralität wird voraussichtlich nicht in der Verfassung verankert. 21.6.2026
Tagesanzeiger: Die SVP steht vor der nächsten Niederlage – doch die Partei setzt andere Prioritäten. 20.6.2026
Der Kampf gegen die EU-Verträge ist für die SVP wichtiger als Christoph Blochers Neutralitätsinitiative. Das Volk dürfte diese im Herbst denn auch ablehnen, wie eine Umfrage zeigt.
Frühere Umfrage:
https://www.derbund.ch/eine-mehrheit-moechte-mit-der-eu-militaerisch-zusammenarbeiten-449167735564Der Bund: Eine Mehrheit möchte mit der EU militärisch zusammenarbeiten. 23.3.2022
52 Prozent der Teilnehmenden wünschen sich eine Beteiligung an der EU-Verteidigungsunion. Die Neutralität ist für sie verhandelbar.