Begegnungen am 1. Mai

Beim Verteilen von Flyern entstehen Gespräche über Politik, Alltagssorgen und Neutralität – und die Einsicht, dass persönliche Begegnungen mehr bewegen als jede Parole. Von Ursula Felber.

Soll ich am Tag der Neutralität, dieses Mal am 1. Mai in Zürich, Flugblätter verteilen? Ich entschied mich dagegen. Letztes Jahr war es für mich unerträglich, während des Umzugs mitzuerleben, wie junge Menschen mit Spraydosen die Fassaden besprühten und niemand sich dagegen wehrte. Ich beschloss, die Flyer der Bewegung für Neutralität (Bene) in meinem Dorf in die Briefkästen zu werfen. Unterwegs konnte ich hie und da mein Anliegen kundtun.

Eine Bäuerin, die mit ihrem Hund auf dem Abendspaziergang war, hielt an und fragte, warum ich Flyer verteile. Schnell waren wir mitten in der Weltpolitik. Sie konnte mir nur beipflichten, dass in der Schweiz vieles im Argen liegt. Vor drei Jahren hatte ihr Mann einen Unfall und ist seither querschnittgelähmt. Seitdem kämpfen sie mit der IV um die ihnen zustehende Unterstützung. Und seit drei Jahren haben sie keinen Rappen Entschädigung erhalten. Sie brachte mir auch die Schwierigkeiten der Bauern mit den unzähligen Bestimmungen näher. Als es schon dämmerte, trennten wir uns, und für beide war klar, dass wir in Zukunft am gleichen Strick ziehen werden.

An der selben Strasse wohnt eine andere Frau, die sich dafür einsetzt, dass keine weitere 5G-Antenne im Dorf aufgebaut wird. Sie fragte mich, ob ich ihr beim Verteilen der Flyer helfen könnte. Als ich ihr von der Neutralitätsinitiative erzählte, war für sie klar, dass sie auch mir beim Verteilen der Bene-Flyer helfen wird.

Luzia aus Argentinien, die kürzlich eingebürgert wurde, hat mich mit grossen Augen angeschaut, als ich ihr von der Neutralitätsinitiative erzählte. Eine Schweiz ohne Neutralität ist nicht mehr das Land, in dem sie sich sicher fühlt.

Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht überzeugt und unterstützt unsere Bemühungen für die Neutralitätsinitiative. Wir sind authentisch und setzen uns dafür ein, dass wir weiterhin in einem unabhängigen, eigenständigen Land leben können. Mein Entscheid, in meiner Umgebung Flyer zu verteilen, war richtig, und ich freue mich auf weitere Aktionen, auf meinem Fahrrad mit der Fahne von Ort zu Ort zu fahren.

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