Rund 100 Teilnehmende diskutierten in Zürich engagiert über die Zukunft der Schweizer Neutralität – und setzten ein starkes Zeichen für Klarheit, Glaubwürdigkeit und Zusammenhalt.
Bei strahlendem Frühlingswetter und in einer ausgesprochen engagierten Atmosphäre fand in Zürich die Mitgliederversammlung der Schweizer «Bewegung für Neutralität» statt. Rund 100 Teilnehmende – darunter Historiker, Diplomaten, Militärs, Politikerinnen und politisch interessierte Bürgerinnen und Bürger – kamen zusammen, um sich intensiv mit der Zukunft eines der zentralen Prinzipien unseres Landes auseinanderzusetzen. Die Veranstaltung machte deutlich: Die Neutralität bewegt – und sie wird mit Überzeugung getragen.
Bereits die Grußbotschaft des ehemaligen Geheimdienstexperten Jacques Baud setzte einen klaren und zugleich motivierenden Auftakt. Neutralität sei «immer in Gefahr» und müsse deshalb glaubwürdig, konsequent und standhaft vertreten werden. Gleichzeitig sei sie kein Selbstzweck, sondern diene als unverzichtbarer Raum für Dialog und Deeskalation. Gerade in einer Zeit zahlreicher Konflikte brauche es neutrale Orte, um Auswege zu ermöglichen und Eskalationen zu verhindern.
Im anschliessenden statutarischen Teil zeigte sich, wie viel die Bewegung im vergangenen Jahr bereits erreicht hat. Der Jahresbericht des Vorstands wurde mit grossem Applaus einstimmig genehmigt. Trotz anfänglicher Herausforderungen ist es gelungen, wichtige Akzente zu setzen: etwa durch ein Schreiben an Bundesrat Pfister, durch eine fundierte Stellungnahme zum sicherheitspolitischen Bericht des Bundes oder durch den Aufbau internationaler Kontakte – darunter die International Federation of Neutrality Organisations sowie der Neutralitätsrat mit acht anerkannten Völkerrechtsexperten. Mit aktuell 364 Mitgliedern wächst die Bewegung kontinuierlich weiter.
Besonders erfreulich war die Verstärkung des Vorstands: Mit Simone Machado konnte eine engagierte Persönlichkeit gewonnen werden, die wichtige Impulse aus der Bürgerrechtsbewegung einbringt. Der gesamte Vorstand wurde einstimmig bestätigt und entlastet – ein starkes Zeichen des Vertrauens. Auch das Jahresbudget sowie ein flexibel gestalteter Mitgliederbeitrag wurden mit breiter Zustimmung verabschiedet. Die Diskussionen zeigten: Die Bewegung ist lebendig, offen für neue Ideen und bereit, weiter zu wachsen.
Im inhaltlichen Teil der Tagung wurde die Bedeutung der Neutralität differenziert und mit grosser Ernsthaftigkeit beleuchtet. Der Historiker René Roca zeichnete ein eindrückliches Bild der aktuellen Lage. Er wies darauf hin, dass weltweit wieder vermehrt auf Konfrontation gesetzt werde und dass auch in der politischen Sprache Entwicklungen zu beobachten seien, die Anlass zur Sorge geben. Für ihn ist die Neutralitätsinitiative deshalb mehr als ein politisches Projekt – sie ist ein Beitrag zur Bewahrung zentraler Werte wie Eigenständigkeit, Friedensorientierung und Aufklärung. Dass rund 80 Prozent der Bevölkerung hinter der Neutralität stehen, wertete er als starke Grundlage – zugleich betonte er die Notwendigkeit, deren Bedeutung klar zu definieren und verbindlich zu verankern.
Auf dem Podium wurde diese Diskussion vertieft. Der ehemalige Diplomat Jean-Daniel Ruch brachte es prägnant auf den Punkt: «Im Kopf sind wir nicht mehr neutral.» Er sprach damit eine Entwicklung an, die viele beschäftigt – nämlich die Gefahr, dass sich auch die Schweiz zunehmend in geopolitische Denkmuster einfügt. Seine Ausführungen zu Rüstungsprojekten und internationalen Abhängigkeiten regten zu einer intensiven Auseinandersetzung an. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, strategische Entscheidungen stets im Lichte der Unabhängigkeit und langfristigen Interessen der Schweiz zu betrachten.
Auch Ralph Bosshard, ehemaliger Oberstleutnant im Generalstab, beleuchtete die Thematik aus militärischer Perspektive. Er wies darauf hin, dass sicherheitspolitische Kooperationen sorgfältig geprüft werden müssten und dass die Neutralität auch im Verteidigungsbereich klare Leitplanken braucht. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung der Schweiz als Brückenbauerin – eine Rolle, die es aktiv zu stärken gelte.
Simone Machado hob die gesellschaftliche Dimension hervor. Sie unterstrich, wie wichtig es ist, die Neutralität positiv zu vermitteln und breite Bevölkerungsschichten anzusprechen. Die Erfahrungen aus der Praxis – etwa beim Flyerverteilen – zeigen, dass das Thema auf grosse Offenheit und Zustimmung stösst. Die Menschen fühlen sich der Neutralität verbunden, und genau hier liegt ein enormes Potenzial für die kommenden Monate.
Auch Fragen externer Einflussnahme wurden offen diskutiert. Am Beispiel der Sanktionen im Jahr 2022 wurde aufgezeigt, wie wirtschaftlicher und politischer Druck entstehen kann. Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass es Aufgabe der politischen Führung ist, solchen Einflüssen standzuhalten und die Eigenständigkeit der Schweiz zu wahren.
Ein zentrales Motiv, das sich durch die gesamte Veranstaltung zog, war die Rolle der Schweiz als Vermittlerin. Diese Tradition wird international geschätzt, steht jedoch zunehmend vor Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, die Neutralität klar zu definieren und glaubwürdig zu leben – nicht als Abschottung, sondern als aktive, konstruktive Haltung in einer vernetzten Welt.
Die Mitgliederversammlung machte Mut und gab klare Impulse für die Zukunft. Die Bewegung will weiter wachsen, neue Zielgruppen ansprechen und die öffentliche Debatte aktiv mitgestalten – auch mit Blick auf die bevorstehende Abstimmung. Der Wunsch, die Neutralität als verbindendes Element über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg zu stärken, war deutlich spürbar.
Beim anschliessenden Austausch im Garten wurde eines besonders sichtbar: Diese Bewegung lebt vom Engagement ihrer Mitglieder – und von der gemeinsamen Überzeugung, dass die Schweiz mit einer klaren, glaubwürdig gelebten Neutralität auch in Zukunft eine wichtige und konstruktive Rolle in der Welt spielen kann.