Unter dem Titel: „Ex-UBS CEO Oswald Grübel lässt die Bombe platzen!“ äusserte dieser in einem Interview1 vom Oktober 2025 deutliche Kritik zur Entwicklung der Finanz- und Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Der finanzielle Wohl-stand der Schweiz basiert gemäss dem erfolgreichen Banker und renommierten Top-Manager Grübel2 stark auf dem Finanzplatz. In engem Zusammenhang damit erkennt er die zentrale Bedeutung der traditionellen Neutralität der Schweiz und deren politischen Unabhängigkeit.
Oswald Grübel gehört zu den einflussreichsten und prägendsten Bankmanagern der Schweizer Nachkriegsgeschichte. Er ist weder Politiker noch Ideologe, sondern ein pragmatischer Krisenmanager mit Glaubwürdigkeit, ein erfahrener Praktiker und Insider, ein risikobewusster Stabilitätsanker. Mit Priorität auf Kundengeschäft und klarer Risikoanalyse gilt er als Vertreter eines klassischen Bankenverständnisses. Sein prägendes Leitmotiv: Langfristige Stabilität, Vorsicht und Vertrauen sind wichtiger als kurzfristige Gewinne, Innovations-Exzesse und spekulativer Eigenhandel. Mit direkten Worten und ungefilterten, teils provokanten Aussagen tritt er bis heute auch immer wieder als unabhängige, erfahrene Stimme auf, als Kommentator beziehungsweise unbequemer Mahner und Warner für Politik, Finanzwelt, Aufsichtsbehörden und Medien.
Zum Verhältnis zwischen Wirtschaft/Finanzplatz und Politik
Die Politik müsste mehr Verständnis und Wertschätzung zeigen. Grübel kritisiert, dass in der Schweiz zu wenig politisches Bewusstsein darüber herrscht, wie der Finanzplatz tatsächlich funktioniert und wie dieser das Wirtschaftswachstum und die Liquidität stützt. Seiner Ansicht nach verstehe die Politik häufig die Bedeutung dieser Zusammenhänge ungenügend, jedenfalls nicht ausreichend. Die meisten Wirtschaftsminister, die er kenne, hätten keine Ahnung, wie Wirtschaft und Finanzwesen funktionieren. Die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS nennt er rückblickend einen strategischen Fehler und argumentiert, dass eine Beteiligung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) besser gewesen wäre, um die Bank zu stabilisieren. Das habe nun politische und strukturelle Auswirkungen auf den Finanzplatz. Mit anderen Worten: Grübel hält strukturelle politische Entscheidungen (wie eben die CS-Übernahme) überhaupt für strategisch falsch. Auch in der grossen Kreditvergabe ausserhalb klassischer Banken (Schattenbanken) sieht Grübel ein grösseres Risiko für das Finanzsystem, weil diese Akteure keine ausreichenden Reserven hätten. In diesem Zusammenhang warnt er ausdrücklich vor Risiken im Nichtbanken-Bereich (Schattenbanken) und Finanz-Instabilität. Und etwa seit dem Jahr 2020, seit Corona, sähen wir uns verstärkt einem grossen Zinsdilemma und grosser, gefährlicher Verschuldung gegenüber.
Finanzplatz als zentraler Wohlstandsfaktor
Grübel betont, dass die finanzielle Lage der Schweiz bzw. der Wohlstand stark auf dem Finanzplatz als fundamentaler Wohlstandsträger basiere –– etwa durch international verwaltete Vermögenswerte und die damit einhergehenden tiefen Zinsen. Ohne eine starke UBS und ohne diesen internationalen Zufluss von Geldern würde die Schweiz an Standortattraktivität verlieren. Der offene Finanzplatz Schweiz funktioniere international, weil er politisch stabil, geordnet und geregelt sei.
Neutralität als entscheidende Grundlage und als Standortvorteil
Das Image der Schweiz als stabiler und sicherer Finanzplatz, wie es Grübel sieht, hänge eng mit der traditionellen Neutralität und der Unabhängigkeit des Landes zusammen –– ein Faktor, der das so wichtige Vertrauen bei internationalen Anlegern schaffe. Dies kommt auch bei Grübels Betonung eines starken Finanzplatzes zum Ausdruck. Auch aus früheren Äusserungen Grübels ist bekannt, dass er überzeugt ist, dass eine stärkere politische Einbindung in EU-Strukturen oder ein Verlust nationaler Unabhängigkeit langfristig negative Effekte auf den Finanzplatz habe –– etwa, weil Unterschiede zwischen der Schweiz und der EU verschwänden und die Investition von Kapital anderswo attraktiver würde. Die politische Souveränität spiele hierzu eine Schlüsselrolle, politische Unabhängigkeit schaffe Vertrauen im internationalen Kapitalverkehr. Oder anders gesagt: Eng verbunden mit der Neutralität sind jene langfristigen Werte des Vertrauens und der Stabilität, welche die traditionelle Neutralität der Schweiz und deren politische Unabhängigkeit als Voraussetzung für einen erfolgreichen internationalen Kapitalverkehr zu schaffen vermögen. Des Weiteren lassen sich Grübels Aussagen zur Wichtigkeit von Vertrauen im internationalen Handel und seine Skepsis gegenüber harten Sanktionen bzw. Konfrontationsnarrativen3 als implizite Hinweise auf die Bedeutung eines neutralitätsnahen Ansatzes für die Schweiz als Finanz- und Wirtschaftsstandort interpretieren –– auch wenn Grübel in diesem Zusammenhang das Wort «Neutralität» in diesem Interview selbst nicht benutzt hat. Fazit: Neutralität in der Schweizer Tradition ist nicht nur militärisch-rechtlich, sondern auch wirtschaftlich-diplomatisch zu verstehen: diplomatische Unabhängigkeit, Verlässlichkeit und kein Seitenwechsel in geopolitischen Konflikten.
1) Das gut einstündige Interview mit Oswald Grübel führte Dr. Dietmar Peetz, CIO der RealUnit Schweiz AG. Es ist auf der Website www.realunit.ch als Podcast unter dem eingangs erwähnten Titel zu finden.
2) Oswald Grübel (geb. 1943) ist deutsch-schweizerischer Doppelbürger. Er war von 2007-2009 CEO der Credit Suisse Group und von 2009-2011 CEO der UBS und ist damit einer der wenigen Bankmanager, die zwei systemrelevante Grossbanken in extremen Krisenzeiten erfolgreich geführt haben (CS in globaler Finanzkrise 2008, UBS in Finanzkrise aufgrund massiver Verluste). Als stabilisierende Figur setzte er bei seinen Rettungen konsequent auf Risikoabbau (z.B. im Investment Banking), Kostenkontrolle, Restrukturierungen, Stärkung des Vermögensverwaltungsgeschäfts und Rückgewinnung von Vertrauen bei Kunden, Politik und Öffentlichkeit. Dadurch wurde er bekannt als Krisenmanager mit Glaubwürdigkeit und als einer der einflussreichsten Bankchefs der Schweiz.
3) Grübel bezeichnet die Angst vor Russland als „Blödsinn“ und kritisiert westliche Narrative, wonach Russland eine unmittelbare Bedrohung für Europa sei. Er sagte, ein Beschluss, Vermögenswerte der russischen Zentralbank zu enteignen, wäre ein „Vertrauensbruch“ und widerspreche der Idee, dass man mit der Welt handeln wolle –– weil Vertrauen für internationalen Handel essentiell sei.