Wie Neutralität geht – Lernen am Modell

Am 14. Dezember hat der Europäische Rat der EU-Mitgliedstaaten den ehemaligen Obersten des Schweizer Nachrichtendienstes, Jacques Baud, auf die EU-Sanktionsliste gesetzt, weil er prorussische Propaganda verbreitet haben soll. Das ist eine perfide Verleumdung. Baud fällt auf durch seine konsequent neutralen wissenschaftlichen Analysen sowohl zum Ukraine- wie auch zum Gazakrieg auf. Damit zeigt er, wie Neutralität geht, eigentlich ein nachahmenswertes Modell für unsere Bundesräte in Bern.

Leider hat in der Schweiz bis jetzt nur die Weltwoche den Mut gehabt, Jacques Baud zum Interview[1] zu bitten, um ihn zu den Behauptungen auf der Sanktionsliste zu befragen. Im Gegensatz zu Bundesrat Cassis, der sich im Ukrainekrieg auf die Seite von Zelensky gestellt hat, nimmt Jacques Baud  eine neutrale Haltung ein:

„Ich habe nie gesagt, ich möchte, dass Russland gewinnt oder dass die Ukraine verliert. Ich habe nie gesagt, Putin hat recht oder Zelensky hat recht. Ich mache keine Beurteilung. Ich erkläre, was sie tun auf beiden Seiten. (…) Es ist wie bei einem Fussballmatch. Wenn der Schiedsrichter für eine Seite arbeitet, das funktioniert nicht. Er muss die Sache sachlich, faktisch durch die Beobachtung verstehen. Das ist genau meine Position. Das Problem heute ist, dass die ganz allgemeine Auffassung des Konfliktes so ist, dass wenn man nicht für die Ukraine ist, dann ist man unbedingt pro russisch. Ich bin nicht für die Ukraine, aber ich bin auch nicht für Russland. Ich stelle die Fakten dar, und das Problem ist auch, dass sehr viele Fakten im Narrativ über den Konflikt auf der Seite gelassen werden. Und das führt dazu, dass wir eine einseitige Sicht des Konfliktes haben.“

Diese neutrale, faktenbasierte Fähigkeit, Konflikte zu analysieren hat Jacques Baud auch beruflich immer wieder zur Anwendung bringen können. Im Interview mit der Weltwoche berichtete er unter anderem von seiner Arbeit für die Uno im Sudan, wo er während zwei Jahren im Kontakt mit ungefähr 80 Rebellengruppen war, mit denen er auch zum Teil im Zusammenhang mit Geiselbefreiungen verhandeln musste. Auch im Tschad hat er mit den Chefs der Rebellengruppen verhandelt. Obwohl er weder Geld bezahlt noch Gewalt angewendet hat, wurden die Geiseln jeweils sehr bald freigelassen, im längsten Falle nach 48 Stunden.

Eigentlich hätten unsere Politiker in Bern mit Jacques Baud einen ausgewiesenen Experten – praktisch und theoretisch – zum Thema ‚Wie Neutralität geht‘. Unsere Politiker in Bern täten gut daran, wenn sie sich – im Sinne des Lernens am Modell – an der Neutralität, wie sie von Jacques Baud praktiziert wird, orientieren würden . . .


[1] https://www.youtube.com/watch?v=XLcqwrabN68

Interview von Patrick Baab mit Jacques Baud https://www.youtube.com/watch?v=lXi8bjiPKOc&t=859s

Eine Antwort

  1. Ein sehr guter Bericht, sehr sachlich und klar auf den Punkt gebracht: Baud handelt ganz im Sinn der Neutralität und wird deshalb von allen Seiten ernst genommen. Der Bundesrat sollte sich ein Beispiel an diesem aufrichtigen Ex-Oberst nehmen. BeNe Schweiz sollte Jacques Baud den ersten Neutralitätspreis übergeben, und zwar fürs Jahr 2025.

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