Wenn Bündnisse Kriege begünstigen: Jeffrey Sachs über den Wert der Neutralität

Der Ökonom sieht in neutralen Staaten einen historischen Stabilitätsfaktor und warnt vor der Aufgabe der Neutralität, die auch für die Staatengemeinschaft nützlich sei.

Der amerikanische Ökonom und Politikberater Jeffrey Sachs sieht in der Neutralität ein zentrales aussenpolitisches Instrument für kleine und mittelgrosse Länder. Wie er im neuen Podcast des Diplomaten Jean-Daniel Ruch und des Schriftstellers Stefan Laufer erklärte, erfülle sie zwei grundlegende Aufgaben: eine politische und eine geografisch-strategische.

Auf politischer Ebene ermöglicht Neutralität Staaten, sich nicht einem der konkurrierenden Machtblöcke anschliessen zu müssen und so nicht in deren Rivalitäten verwickelt zu werden. Viele Länder entschieden sich aus historischen Erfahrungen oder kulturellen Traditionen bewusst für diesen Weg, was laut Sachs häufig zu langfristiger Stabilität beitrage und Konfliktpotenzial reduziere.

Noch entscheidender sei jedoch die Lage eines Landes auf der Landkarte. Staaten, die zwischen grossen Machtzentren liegen, müssten besonders darauf achten, nicht in militärische Konfrontationen hineingezogen zu werden. Dehnt eine Grossmacht ihren Einfluss bis an die Grenzen einer anderen aus, entstehe schnell ein sicherheitspolitischer Spannungszustand, der sich leicht zu offenen Kämpfen zuspitzen könne. In diesem Kontext hätten neutrale Pufferstaaten über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle zur Eindämmung von Konflikten gespielt.

Als Beispiel für das Scheitern dieser Logik nennt Sachs die Ukraine. Das Land befinde sich geopolitisch zwischen Russland und dem westlichen Bündnissystem und hätte seiner Auffassung nach dauerhaft eine neutrale Position einnehmen sollen. Die Unterstützung der USA für eine mögliche NATO-Mitgliedschaft habe russische Sicherheitsbedenken ignoriert und so zur Verschärfung der Lage beigetragen.

Er erinnert in diesem Zusammenhang an den NATO-Gipfel von Bukarest im Jahr 2008. Damals hätten mehrere europäische Regierungschefs vor einer Aufnahme der Ukraine gewarnt, dennoch sei politisch das Signal gegeben worden, dass ein Beitritt grundsätzlich angestrebt werde. Aus Sicht von Sachs wurde damit eine Entwicklung angestossen, die später in einen offenen Krieg mündete.

Als Gegenbeispiel verweist er auf Österreich. Mit dem Staatsvertrag von 1955 habe sich das Land zur dauerhaften Neutralität verpflichtet, woraufhin die sowjetischen Truppen abzogen. In den folgenden Jahrzehnten habe Österreich politische Stabilität, wirtschaftliches Wachstum und internationale Akzeptanz erreicht. Dieses Modell habe ursprünglich auch als mögliche Lösung für ein vereintes und neutrales Deutschland gegolten, sei jedoch von den USA und der westdeutschen Regierung abgelehnt worden, was zur langfristigen Blockbildung im Kalten Krieg beigetragen habe.

Grundsätzlich beobachtet Sachs, dass Grossmächte neutralen Ländern oft mit Misstrauen begegnen. Insbesondere die Vereinigten Staaten hätten wiederholt eine Politik verfolgt, die Staaten vor die Wahl stelle, sich klar zu positionieren. Diese Haltung habe seiner Einschätzung nach weltweit zu Instabilität und bewaffneten Auseinandersetzungen geführt.

Die Schweizer Neutralität bezeichnet Sachs ausdrücklich als Erfolgsmodell. Sie habe der Schweiz wirtschaftliche Sicherheit, diplomatische Glaubwürdigkeit und eine besondere internationale Vermittlerrolle verschafft. Auch andere Länder profitierten von einem politisch unabhängigen und verlässlichen Akteur im Zentrum Europas. Ein solches System sollte nach seiner Ansicht nicht leichtfertig infrage gestellt werden.

Einen engeren militärischen Schulterschluss der Schweiz mit der NATO hält Sachs für unnötig und riskant. Er stellt infrage, ob Russland tatsächlich eine militärische Expansion in Europa anstrebe, und kritisiert stattdessen die globale Machtpolitik der USA, die zunehmend offen geopolitische Dominanz anstrebe. Die NATO betrachtet er weniger als Schutzbündnis denn als Instrument amerikanischer Einflussnahme, das in Ländern wie der Ukraine und Georgien zur Verschärfung von Konflikten beigetragen habe.

Insgesamt wirbt Sachs für Neutralität als pragmatischen Ansatz zur Friedenssicherung, vor allem für Staaten in geopolitisch exponierter Lage. Neutral zu bleiben bedeute nicht, sich aus der Weltpolitik zurückzuziehen, sondern könne im Gegenteil die Grundlage für Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und konstruktive internationale Beziehungen bilden.


Quelle: Jeffrey Sachs: “The Western world is in a deeply neurotic state”. 14.1.2026


Transkript des Gesprächs auf deutsch hier.

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