Nach Aussagen von David Lammy über mögliche Angriffe auf Iran rücken die britischen Militärbasen auf Zypern ins Rampenlicht. Sie zeigen, wie dauerhaft militärische Infrastruktur geopolitische Abhängigkeiten schafft.
Die Worte des britischen Aussenministers David Lammy sind bemerkenswert – und sie werfen ein grelles Licht auf eine Realität, die auf Zypern seit Jahrzehnten besteht. Grossbritannien könne im Konfliktfall auch iranische Raketenstellungen angreifen, sagte Lammy im Interview. Gleichzeitig bestätigte London, dass seine Luftwaffenbasis Akrotiri auf Zypern bereits für Einsätze gegen Drohnen aus dem Iran genutzt wurde.
Damit rückt eine Tatsache erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Ein Teil der Mittelmeerinsel dient bis heute als militärischer Vorposten einer ehemaligen Kolonialmacht – und als Plattform für Operationen weit über die Region hinaus.
Die Wurzeln dieser Situation reichen tief in die Geschichte des britischen Empire zurück. Zypern gehörte über Jahrhunderte zum Osmanischen Reich. Als dieses im 19. Jahrhundert zunehmend an Einfluss verlor und in Europa spöttisch als «kranker Mann vom Bosporus» bezeichnet wurde, begann der Wettlauf der europäischen Mächte um strategische Positionen.
Für Grossbritannien wurde Zypern besonders interessant, nachdem 1869 der Suezkanal eröffnet worden war. Der Kanal verkürzte den Seeweg nach Indien dramatisch und wurde zur Lebensader des britischen Weltreichs. Um diese Route militärisch abzusichern, übernahm London 1878 die Kontrolle über Zypern und machte die Insel später zur Kolonie.
Die strategische Logik war eindeutig: Wer Zypern kontrolliert, besitzt einen militärischen Beobachtungs- und Eingriffspunkt zwischen Europa, Nahost und Nordafrika.
Als Zypern 1960 die Unabhängigkeit erhielt, verschwand das Empire formal – doch ein entscheidendes Element blieb bestehen. Grossbritannien sicherte sich dauerhaft zwei Militärgebiete: Akrotiri im Süden und Dekelia im Osten der Insel. Diese sogenannten «Souveränen Stützpunktgebiete» stehen bis heute vollständig unter britischer Hoheit.
Rund drei Prozent der Insel gehören damit weiterhin zu einem militärischen Territorium Londons. In den Basen befinden sich Flugplätze, Garnisonen, Radar- und Abhöranlagen sowie Einrichtungen zur elektronischen Aufklärung. Von hier aus wurden über Jahrzehnte militärische Operationen und Überwachungsmissionen im gesamten Nahen Osten unterstützt.
Die aktuelle Nutzung der Basen zeigt ein grundlegendes geopolitisches Muster: Sobald militärische Infrastruktur einmal geschaffen ist, bleibt sie nicht ungenutzt. Im Gegenteil – sie wird zum Instrument für immer neue Einsätze.
Akrotiri ist heute eine der wichtigsten westlichen Luftwaffenplattformen im östlichen Mittelmeer. Von dort aus wurden Operationen im Irak, in Syrien und in anderen Konflikten unterstützt. Nun dient die Basis auch als Ausgangspunkt für Missionen im aktuellen Konflikt mit Iran.
Genau darin liegt die eigentliche politische Sprengkraft. Militärbasen schaffen Fakten – und diese Fakten entwickeln ihre eigene Dynamik. Staaten, die über solche Infrastruktur verfügen, greifen früher oder später auch darauf zurück.
Noch deutlicher wird ein zweiter Mechanismus: Wer einmal tief in eine sicherheitspolitische Architektur eingebunden ist, findet kaum mehr einen Weg zurück. Militärische Kooperationen, gemeinsame Operationen und strategische Abhängigkeiten schaffen Schritt für Schritt ein Netz, aus dem sich politische Entscheidungsträger nur schwer lösen können.
Zypern liefert dafür ein eindrückliches Beispiel. Obwohl die Insel seit über sechs Jahrzehnten unabhängig ist, bleibt ein Teil ihres Territoriums fest in die militärische Infrastruktur westlicher Bündnisse eingebunden. Entscheidungen über Einsätze, die von dort ausgehen, werden nicht in Nikosia getroffen, sondern in London.
Die Aussagen Lammys zeigen deshalb nicht nur aktuelle militärische Planungen. Sie erinnern auch daran, wie dauerhaft geopolitische Strukturen wirken können, die einst aus imperialen Interessen geschaffen wurden – und wie schwer es ist, sich ihnen später wieder zu entziehen.
Nach der Unabhängigkeit versuchte es der damalige zypriotische Präsident, Erzbischof Makarios. Er verhandelte mit den Türkischzyprioten, um eine Befriedung des Landes zu erzielen und er verfolgte eine klare Linie der Neutralität und der Nichtausrichtung in außenpolitischen und militärischen Fragen. Sein Ziel war es, Zypern als unabhängigen, neutralen Staat zwischen den Interessenssphären Griechenlands, der Türkei, Großbritanniens und später der NATO zu positionieren. Die Quittung erhielt das Land 1974. Als griechischzypriotische Extremisten und die Athener Junta einen Putsch gegen Makarios lostraten, gab der damalige US-Aussenminister Kissinger dem NATO-Land Türkei das grüne Licht für die Invasion. Es wurde nicht der Status quo ante bellum hergestellt, sondern die Türkei besetzte gleich 36% des Inselterritoriums – bis heute.
Gegen solche Entwicklungen hilft nur eins: Sich nicht zu eng an eine Militärbündnis binden, keine fremdes Militär und Basen auf eigenem Territorium, in einem Wort: Neutralität.