„Statt mit falschen Behauptungen Ängste zu schüren, muss sich der Bundesrat auf die Neutralität besinnen“

Der Bundesrat hat am 6. Mai 2026 „den jährlichen Bericht zur Beurteilung der Bedrohungslage gemäss Artikel 70 des Nachrichtendienstgesetzes (NDG) gutgeheissen. Er stellt eine erhebliche Verschlechterung der Sicherheitslage in Europa und der Schweiz fest. Russland bleibt die grösste Bedrohung für Europa auch aufgrund hybrider Konfliktführung“. https://www.admin.ch/de/newnsb/yqIi8G8xWX3wDSsZthAGn

Das Russland die grösste Bedrohung sei, hat der abgetretene Armeechef Süssli schon im letzten Dezember behauptet. Dass das nicht stimmt, hat der ehemalige Oberstleutnant im Generalstab, Ralph Bosshard1, in einem Interview ausführlich dargelegt. https://zgif.ch/2026/01/14/wer-im-vbs-fuer-die-neutralitaet-einsteht-dem-werden-einige-steine-in-den-weg-gelegt/

Auf die Frage, ob die Schweiz durch Russland bedroht sei, antwortete Ralph Bosshard: „Ich wüsste nicht, was die Russen hier sollten. Bei Thomas Süssli müssen Sie einfach davon ausgehen, dass er das sagt, was die nationale Presse sagt, basierend auf dem, was die Pressedienste in Brüssel sagen. Ich höre von alten Kollegen aus dem militärischen Nachrichtendienst eine gewisse Frustration. Sie sagen, wir beschaffen Nachrichten, wir werten diese aus, wir schreiben sorgfältige Berichte, die an die Armeeführung gehen. Die Armeeführung wischt das alles einmal locker weg, weil sie sagt, sie sei ja von der nationalen Presse informiert. Sie wissen sowieso alles besser.“

Ralph Bosshard weist auch darauf hin, dass ukrainische Berichte unkritisch wiedergegeben werden: „Nachrichtendienste hängen zum Teil bereits am Tropf der ukrainischen Nachrichtendienste, die übrigens zum Teil höchst korrupt und auch kriminell sind. Man hat bereits schon die britischen Nachrichtendienste dabei ertappt, dass sie unkritisch ungefilterte Informationen der ukrainischen Nachrichtendienste verbreitet haben.“ 

Auch die Qualität der Berichte der Nachrichtenoffiziere habe spürbar abgenommen:„Ich bin zum Teil auch überrascht über gewisse Miliz­organisationen, so auch über die Gesellschaft der Nachrichtendienst­offiziere, Milizoffiziere, die Berichte verfassen, ohne auch nur eine einzige russischsprachige Quelle zu nutzen. Von einem Nachrichtenoffizier erwarte ich etwas anders. Und ich weiss auch, dass ein paar sehr gute Russ­landkenner aus dem militärischen Nachrichtendienst gegangen sind, nachdem Jean-Phillipe Gaudin als Chef des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) geschasst worden ist. Das waren ein paar gute Leute.“

Die Behauptung, Russland wolle Europa angreifen, geistert seit Beginn des Ukrainekrieges durch die Medien. Schon im Kalten Krieg behaupteten die USA, die Sowjetunion wolle Europa erobern. Das das nicht gestimmt hat, wurde in den Archiven bestätigt. Dazu Ralph Bosshard: „Lesen sie den elften Band der Schweizerischen Generalstabsgeschichte, den Band über die Geschichte des Kalten Krieges von Professor Hans-Rudolf Fuhrer und Matthias Wild. Fuhrer war Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie, milizmässig Oberst im Generalstab, der hat genau das geschrieben. Die Vermutung, dass der Warschauer Pakt die Schweiz erobern wollte, hat sich in den Archiven nicht bestätigt.“ 

Dass die Behauptung einer russischen Gefahr seit 2022 gebetsmühlenartig in den Medien wiederholt wird, hat – so Ralph Bosshard – folgendes Ziel: „Dass in den Medien jetzt diese Stimmung gemacht wird, Russland sei eine grosse Gefahr, hat zum Ziel, dass all jene, die eigentlich neutral bleiben wollen, Angst bekommen und zu zweifeln anfangen, ob man sich nicht doch unter den militärischen Schutz der Nato und der EU begeben sollte. Genau darum geht es. Die Leute sollen mit der Angst Richtung Nato und EU mobilisiert werden, und dazu sind die absurdesten Behauptungen recht.“ 

Statt mit falschen Behauptungen Ängste zu schüren, muss sich der Bundesrat auf die Neutralität besinnen: Eine Schweiz der guten Dienste hat die Aufgabe, auf diplomatischem Wege dazu beizutragen, dass Russland und die Ukraine Verhandlungen führen und der Krieg so schnell wie möglich beendet wird.

  1. Ralph Bosshard, Oberstleutnant im Generalstab, war Berufsoffizier der Schweizer Armee, u. a. Ausbilder an der Generalstabsschule und Chef der Operationsplanung im Führungsstab der Armee. Nach der Ausbildung an der Generalstabs-Akademie der russischen Armee in Moskau diente er als militärischer Sonderberater des Ständigen Vertreters der Schweiz bei der OSZE, als Senior Planning Officer in der Special Monitoring Mission to Ukraine und als Operationsoffizier in der Hochrangigen Planungsgruppe der OSZE. Zivilberuflich ist Ralph Bosshard Historiker (lic. phil., Universität Zürich). ↩︎

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