Friedenstüchtig statt kriegstreibend: Wie wir unsere Feinde selbst erschaffen

Fabian Scheidler zeigt in einer Lesung auf, wie Kriegslogik Demokratien lähmt und warum echter Frieden Perspektivenwechsel, Kooperation und Zivilgesellschaft braucht. Von Ursula Felber.

Die politische Bewegung Linksbündig lud zu einer Lesung mit dem Publizisten Fabian Scheidler ein, der sein neues Buch Friedenstüchtig vorstellte. Scheidler, der unter anderem für Le Monde diplomatique arbeitete, beschäftigte sich mit der Frage, wie Konflikte ohne Eskalation gelöst werden können.

Er kritisierte, dass eine tief verankerte Kriegslogik Politik und Öffentlichkeit präge und demokratische Gesellschaften lähme. Echter Frieden verlange die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und zur kritischen Hinterfragung von Feindbildern. In seinem Buch warnt er davor, soziale und demokratische Errungenschaften einer zunehmenden Militarisierung zu opfern. Gewalt sei heute die einzige Antwort auf Konflikte. Viele heutige Feindbilder seien politisch mitverursacht.

Scheidler betonte, dass Kriege stets Vorgeschichten haben, diese jedoch in öffentlichen Debatten oft ausgeblendet würden. Zudem würden im Kriegsfall Meinungsfreiheiten eingeschränkt. Als Beispiel nannte er die Menschenrechtsexpertin Francesca Albanese, deren Teilnahme an einer Veranstaltung in Berlin verhindert worden sei. Auch verwies er auf EU-Sanktionslisten, auf denen sich unter anderem der Schweizer Sicherheitsexperte Jacques Baud befinde.

Sein Fazit: Westliche Staaten müssten ihre lange Tradition der Dominanzpolitik überwinden und eine Kultur der Kooperation entwickeln.
Zur Stärkung der Friedensbewegung erklärte Scheidler, Impulse müssten aus der Zivilgesellschaft kommen, unterstützt vom Globalen Süden. Historische Beispiele wie die Proteste gegen den Vietnamkrieg hätten große Wirkung gezeigt. Auch der frühere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky habe mit der internationalen Einbindung von Jassir Arafat diplomatische Akzente gesetzt.


Die Vereinte Nationen und insbesondere die UN-Charta seien zentrale Pfeiler der internationalen Friedenssicherung und müssten verteidigt werden.

Interessant war die Frage, warum sich die Linken nicht mit den Rechten zusammentun?  Scheidler ist der Ansicht, dass sich alle anpassen, alle wollen dazugehören. Er äußerte zudem Kritik an der politischen Linken und den Grünen, die sich von ihrer Basis entfernt hätten. Viele junge Menschen engagierten sich heute stärker für Menschenrechte, etwa im Kontext des Gazakrieges. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Frieden, Klima, Ökologie und soziale Gerechtigkeit – seien nur gemeinsam lösbar. Eine erneuerte Friedensbewegung könne neue Bündnisse ermöglichen und Räume für offenen Dialog schaffen.


Abschließend betonte Scheidler die Bedeutung einer aktiven Neutralität. Der frühere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer habe eine Neutralität Deutschlands abgelehnt. Heute werde jedoch die Neutralität der Schweiz in Deutschland vielfach als mögliches Erfolgsmodell gesehen. Die Schweiz könne dabei eine aktivere friedenspolitische Rolle übernehmen.

Eine Antwort

  1. Kleine Ergänzung/Präzisierung zum erwähnten Dazugehören-Wollen (2.letzter Abschnitt): Es geht darum, bei den offiziell „Richtigen“ dazu zu gehören, und nicht etwa bei den „Rechten“. Eine Unterscheidung, die in unseren Zeiten, wie wir aus Erfahrung wissen, zunehmend strapaziert wird. Und wie schon Ernst Jandl wusste:
    „Manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein llltum … „

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