Ioannis Kapodistrias prägte entscheidend die Neuordnung der Schweiz nach 1815. Sein Wirken zeigt, dass Neutralität keine Schwäche ist, sondern eine aktive Form politischer Verantwortung.
Der Film «Kapodistrias» von Yannis Smaragdis, der gegenwärtig in den griechischen Kinos läuft, ist mehr als ein historisches Porträt. Er ist eine politische Erinnerung daran, dass Neutralität kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis bewusster Staatskunst ist. Am Beispiel von Ioannis Kapodistrias wird sichtbar, wie die Schweiz ihre bis heute tragende Ordnung nicht durch militärische Stärke, sondern durch rechtliche Klugheit, innere Einigung und internationale Anerkennung gewann.
Kapodistrias, einer der einflussreichsten Diplomaten Europas nach den Napoleonischen Kriegen, verstand Neutralität nicht als Rückzug, sondern als aktive politische Haltung. Sein Wirken in der Schweiz zwischen 1813 und 1815 zeigt exemplarisch, dass dauerhafte Stabilität nur dort entsteht, wo Macht begrenzt, Recht gestärkt und innere Vielfalt institutionell abgesichert wird.
Als Kapodistrias im Auftrag Zar Alexanders I. in die Schweiz entsandt wurde, befand sich die Eidgenossenschaft in einer existenziellen Krise. Die napoleonische Ordnung war zusammengebrochen, die Kantone waren zerstritten, fremde Truppen standen im Land, und ein erneuter Bürgerkrieg war keineswegs ausgeschlossen. Die europäischen Großmächte betrachteten die Schweiz vor allem als strategischen Raum – weniger als souveränes Gemeinwesen.
Gerade in diesem Umfeld entfaltete Kapodistrias eine Politik, die sich deutlich von militärischer Machtsicherung abhob. Er setzte nicht auf Zwang oder äußere Vorgaben, sondern auf Vermittlung, Verhandlungen und die Selbstverantwortung der Kantone. Seine Überzeugung war klar: Ein Staat kann nur dann neutral sein, wenn er innerlich geeint und rechtlich legitimiert ist. Neutralität ist kein Status, den andere verleihen – sie ist eine Verpflichtung, die ein Gemeinwesen selbst tragen muss.
Diese Haltung floss direkt in den Bundesvertrag von 1815 ein. Mit ihm erhielt die Schweiz erstmals einen verbindlichen Ordnungsrahmen, der föderale Vielfalt mit gemeinsamer Verantwortung verband. Am Wiener Kongress setzte Kapodistrias mit Nachdruck die internationale Anerkennung der immerwährenden Neutralität der Schweiz durch. Damit wurde ein Modell etabliert, das bis heute Bestand hat, aber immer stärker unter Druck gerät: Sicherheit nicht durch Bündnisse oder Expansion, sondern durch Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und rechtliche Selbstbindung.
Der Film macht deutlich, dass diese Neutralität keineswegs selbstverständlich war. Die Großmächte akzeptierten sie vor allem, weil sie ihren Interessen diente. Doch ohne Kapodistrias’ diplomatisches Geschick, seine Kenntnis europäischer Machtmechanismen und seine klare Vorstellung von republikanischer Ordnung wäre sie kaum dauerhaft verankert worden. Die Neutralität der Schweiz ist daher nicht Ausdruck politischer Bequemlichkeit, sondern Ergebnis bewusster Gestaltung.
Besonders bemerkenswert ist dabei Kapodistrias’ Prioritätensetzung. Als ihm Frankreich später militärische Unterstützung anbot, als Dank dafür, dass er am Wiener Kongress die Teilung Frankreichs vermeiden konnte, bat er nicht um Truppen, sondern um Bücher. Bildung, institutioneller Aufbau und geistige Unabhängigkeit galten ihm als tragfähiger als jede kurzfristige Machtsicherung. Dieses Denken prägte nicht nur seine Politik in Griechenland, sondern auch sein Wirken für die Schweiz.
Der Vergleich mit Griechenland schärft den Blick auf die Bedeutung der Schweizer Neutralität zusätzlich. Während der Eidgenossenschaft ein föderaler, neutraler Entwicklungsweg zugestanden wurde, wurde Griechenland nach Kapodistrias’ Ermordung 1831 seiner politischen Eigenständigkeit beraubt und unter ausländische Kontrolle gestellt. Was in der Schweiz als Stabilitätsmodell akzeptiert wurde, galt anderswo als unerwünscht. Neutralität erwies sich damit nicht als moralische Floskel, sondern als politisches Privileg, das verteidigt werden musste – und bis heute verteidigt werden muss.
Smaragdis’ Film positioniert Kapodistrias bewusst als unbequemen Staatsmann. Seine Ideen von Recht, Bildung und Selbstbegrenzung staatlicher Macht standen im Gegensatz zu restaurativen und imperialen Interessen. Gerade darin liegt seine Aktualität. In einer Zeit, in der Neutralität zunehmend als naiv oder überholt dargestellt wird, erinnert Kapodistrias daran, dass sie historisch ein Erfolgsmodell war – und bleibt.
1827 wurde Kapodistrias zum Präsidenten Griechenlands gewählt. Das Land befand sich nach dem Unabhängigkeitskrieg in einer Phase politischer, wirtschaftlicher und sozialer Zerrüttung. Seine Regierung stand vor der Aufgabe, staatliche Strukturen aufzubauen, Rechtssicherheit herzustellen und Bildungs- sowie Verwaltungsinstitutionen zu schaffen. Der Film zeigt diese Phase als geprägt von inneren Konflikten, regionalen Machtstrukturen und dem Einfluss der europäischen Schutzmächte.
Kapodistrias’ Regierungszeit endete 1831 mit seiner Ermordung. In der Folge griffen die Großmächte in die politische Entwicklung Griechenlands ein und etablierten 1832 mit dem Londoner Protokoll eine Monarchie unter einem ausländischen König. Damit wurde der republikanische Entwicklungsansatz, den Kapodistrias vertreten hatte, beendet.
Dass Lausanne Ioannis Kapodistrias mit einer Allee und einem Denkmal ehrt, ist kein bloßer Akt historischer Höflichkeit. Es ist ein stilles Eingeständnis, dass ein europäischer Staatsmann entscheidend zur politischen DNA der Schweiz beigetragen hat. Eine DNA, die nicht auf militärischer Stärke beruht, sondern auf Ausgleich, Rechtssicherheit und der bewussten Entscheidung, sich nicht instrumentalisieren zu lassen.
Der Film endet tragisch, doch seine Botschaft ist klar: Neutralität ist kein passiver Zustand, sondern aktive Verantwortung. Die Schweiz verdankt einen wesentlichen Teil ihrer Stabilität einem politischen Denken, das Macht begrenzt und Bildung über Gewalt stellt. Ioannis Kapodistrias war einer ihrer Architekten. Wir sollten sich uns seiner gedenken.
Eine Antwort
Danke für den ausgezeichneten Geschichtsunterricht den ich gerne weiterleite.