Die sicherheitspolitische Debatte in der Schweiz wird zunehmend von Angstnarrativen dominiert, sagt der frühere Senior Planning Officer der OSZE in der Ukraine, Oberstleutnant Ralph Bosshard.
Warnungen vor einer angeblich bevorstehenden russischen Bedrohung Europas, gar der Schweiz, dienen als Begründung für Milliardeninvestitionen in Rüstung und für eine schleichende Annäherung an die Nato. Doch wer nüchtern analysiert, muss feststellen: Die Neutralität ist nicht das Problem – sie ist Teil der Lösung.
Ralph Bosshard, ehemaliger Oberstleutnant und langjähriger Beobachter internationaler Sicherheitsstrukturen, bringt es auf den Punkt: Die Schweiz war weder im Kalten Krieg noch heute ein primäres militärisches Ziel Russlands. Diese Einschätzung deckt sich mit historischen Archiven ebenso wie mit geopolitischer Logik. Wer dennoch permanente Bedrohung beschwört, betreibt weniger Sicherheitsvorsorge als politische Mobilisierung.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht in einer hypothetischen Invasion, sondern in der Aushöhlung bewährter Grundsätze. Neutralität bedeutet nicht Passivität, sondern Unabhängigkeit in Urteil und Handlung. Sie erlaubt der Schweiz, zu vermitteln, humanitär zu wirken und Vertrauen auf allen Seiten zu genießen. Wer sie preisgibt, verliert nicht nur außenpolitischen Handlungsspielraum, sondern auch innenpolitische Glaubwürdigkeit.
Besorgniserregend ist, dass abweichende Stimmen im sicherheitspolitischen Apparat zunehmend marginalisiert werden. Wenn Offiziere und Diplomaten, die auf Distanz zur Nato pochen, Karrierenachteile riskieren, wird Neutralität zur bloßen Sonntagsrede. Dann entscheidet nicht mehr sicherheitspolitische Vernunft, sondern geopolitische Gefolgschaft.
Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass militärische Bündnisse Konflikte nicht automatisch lösen. Vom Balkan bis in die ehemalige Sowjetunion wurden Krisen verwaltet, nicht beseitigt. Die Vorstellung, mehr Integration in westliche Strukturen bedeute automatisch mehr Stabilität, ist empirisch nicht haltbar.
Gerade deshalb braucht die Schweiz eine selbstbewusste sicherheitspolitische Linie. Neutralität ist kein nostalgisches Erbe, sondern ein strategischer Vorteil in einer fragmentierten Welt. Sie schützt vor Automatismen der Blockpolitik und erhält Handlungsspielräume, die Bündnisstaaten längst verloren haben.
Wer die Neutralität aus Angst aufgibt, wird weder sicherer noch unabhängiger. Er wird berechenbarer – und damit politisch verwundbarer. Die Schweiz sollte nicht der Logik der Lager folgen, sondern ihrer eigenen: nüchtern, souverän und dem Rechtsstaat verpflichtet. In unsicheren Zeiten ist das keine Schwäche, sondern eine Form von strategischer Klugheit.
Ralph Bosshard, Oberstleutnant im Generalstab, war Berufsoffizier der Schweizer Armee, u. a. Ausbilder an der Generalstabsschule und Chef der Operationsplanung im Führungsstab der Armee. Nach der Ausbildung an der Generalstabs-Akademie der russischen Armee in Moskau diente er als militärischer Sonderberater des Ständigen Vertreters der Schweiz bei der OSZE, als Senior Planning Officer in der Special Monitoring Mission to Ukraine und als Operationsoffizier in der Hochrangigen Planungsgruppe der OSZE. Zivilberuflich ist Ralph Bosshard Historiker (lic. phil., Universität Zürich).
Quelle: Zeitgeschehen im Fokus: «Wer im VBS für die Neutralität einsteht, dem werden einige Steine in den Weg gelegt». 14.1.2026