Belgischer Vater warnt: Militärdienst für Jugendliche ist kein Abenteuer, sondern ein Schreckensszenario

Mitte November 2025 erhielten 149.000 belgische Jugendliche Einladungen zum freiwilligen Militärdienst. Ein Vater entlarvt die wahren Absichten hinter dem Angebot. Wir sollten auch in der Schweiz wachsam bleiben.

Mitte November erhielten 149’000 17-jährige Jugendliche vom belgischen Verteidigungsminister Theo Francken eine Einladung zu einem einjährigen freiwilligen Militärdienst – für Eltern ein Alarmsignal. Einer der Väter hat in einem Brief die verdeckte Absicht von Francken demaskiert: «Sie versuchen, Tausende von jungen Menschen für diesen Krieg zu rekrutieren, den Sie jeden Tag offener propagieren.» Das ist heute die Realität für Eltern, die Bürger von NATO-Mitgliedstaaten sind. In der Schweiz haben Mütter und Väter mit der Neutralitätsinitiative einen Riegel gegen die NATO-Aspirationen von Bundesrat und Verteidigungsminister, Oberst Martin Pfister.  

Als Mutter kann ich den Schrecken nachempfinden, der einen Vater durchfährt, wenn er den Brief des Verteidigungsministers an seinen Sohn liest, dieses junge Leben, das er mit Herzblut liebevoll erzogen und ins Leben eingeführt hat. Sein geharnischter Brief an den Minister, der auch von der flämischen Tageszeitung De Morgen veröffentlicht wurde, ist im flämischen Belgien bereits von Hunderttausenden gelesen worden.

In der Schweiz muss dieser Brief[1] für uns Eltern als mahnender Weckruf gelesen werden. Eine differenzierte Festschreibung der Neutralität in unserer Verfassung, die durch die Neutralitätsinitiative möglich wird, verhindert, dass Bundesrat Pfister, eingebunden in die NATO, vom Verteidigungs-Bundesrat zum Kriegsbundesrat mutieren kann, und die Eltern keine solchen Briefe (Übersetzung aus dem Französischen von der Autorin) schreiben müssen wie in Belgien:

Sehr geehrter Herr Francken,

am Freitag ist Ihr Brief an meinen siebzehnjährigen Sohn bei ihm eingegangen: eine Einladung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst. Sie hatten sein Eintreffen mit großem Tamtam angekündigt, daher war es keine Überraschung. Das Lesen Ihres Briefes hingegen war ein echter Schock.

Obwohl dieser Brief nicht an mich adressiert ist, erlaube ich mir, Ihnen zu antworten. Denn als Vater dieses siebzehnjährigen jungen Mannes bin ich zutiefst empört über das, was Sie ihm und seinesgleichen verkaufen wollen. Über die Leichtfertigkeit, mit der Sie versuchen, Tausende von jungen Menschen für diesen Krieg zu rekrutieren, den Sie jeden Tag offener propagieren. Das wird Sie sicherlich nicht stören, ich mache mir darüber keine Illusionen: Diejenigen, die Ihre Politik nicht teilen, gehören nach Ihren eigenen Worten auf Facebook zu den «Lifestyle-Grünen, Pseudopazifisten, Kommunisten, Verschwörungstheoretikern und Putin-Fans, die unser Land arm statt reich machen».

Man muss zugeben, dass Sie ein Gespür für das richtige Timing haben. Die 17-Jährigen erhalten Ihren Brief im November, wenige Tage nachdem das ganze Land des Endes des Ersten Weltkriegs gedacht hat. An den Kriegsdenkmälern haben Persönlichkeiten wie Sie, mit geradem Rücken und ernstem Gesicht, den im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten gedacht. Und wie immer begleitet dies eine große Rede über «diejenigen, die ihr Leben für Frieden, Freiheit, Demokratie … gegeben haben». Denn so wird das Thema Krieg immer dargestellt, zumindest in den großen Reden derer, die ihn beschließen.

Der französische Soldat Louis Barthas, der 1914 einberufen wurde, schrieb in seinen Kriegstagebüchern einen eindrucksvollen Satz: «In den Dörfern will man bereits Denkmäler zu Ehren der Opfer dieses großen Massakers errichten, oder wie die Chauvinisten sagen, ‚zu Ehren derer, die freiwillig ihr Leben geopfert haben. Als ob die Unglücklichen die Wahl gehabt hätten, etwas anderes zu tun… Wenn die Toten dieses Krieges aus ihren Gräbern auferstehen könnten, würden sie diese heuchlerischen Denkmäler zerstören, denn diejenigen, die sie errichtet haben, haben sie gnadenlos geopfert.»

Das ist die bittere Realität, Herr Francken. Kein Leben wird freiwillig in den Krieg gegeben, sie werden brutal herausgerissen. Jedes Leben, das im Schlamm der Schlachtfelder zerfetzt wird, ist ein bewusst verschwendetes Leben. Und Krieg ist kein Schrecken, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Es ist ein Schrecken, der von Menschen beschlossen wird. Nicht von den 17-Jährigen, die Ihren Brief erhalten, nicht von ihren Eltern, ihren Familien oder ihren Freunden. Sondern von den Mächtigen dieser Welt. Und all die hochtrabende Rhetorik über Freiheit und Demokratie kann eine einfache Wahrheit nicht verschleiern: Krieg war schon immer eine Frage von Macht, Geld und wirtschaftlichen Interessen. Deshalb werden so viele Leben geopfert.

Und es sind immer die Leben junger Menschen, die in den hungrigen Rachen des Kriegsmonsters geworfen werden. Junge Menschen, die rekrutiert und immer wieder mit denselben kriminellen Lügen darauf vorbereitet werden, im Namen der Flagge und des Vaterlandes in den Tod zu laufen und in einem Leichensack nach Hause zurückzukehren.

Deshalb ist Ihr Brief so bestürzend. Er verschleiert die Realität und präsentiert sich wie ein gewöhnliches Stellenangebot für eine normale Position. Bereits im zweiten Absatz versprechen Sie ihnen fettgedruckt ein «attraktives Gehalt». Sie wissen ganz genau, wie verlockend 2.000 Euro im Monat für einen 17-Jährigen sein können. Dann überschütten Sie die Jugendlichen mit hohlen Phrasen wie «aktiv zur Zukunft des Landes beitragen», «eine einzigartige Gelegenheit, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln», «Freunde fürs Leben finden», «ein spannendes und abenteuerliches Arbeitsumfeld». All das ist unerträglich leichtfertig.

Sie werden vielleicht einwenden, dass ich mir umsonst Sorgen mache, denn auf Ihrer Facebook-Seite versichern Sie selbstbewusst, dass Sie unsere Jugendlichen nicht an die Front schicken wollen. Aber warum brauchen Sie sie dann? Worauf sollen sie vorbereitet sein? Denn genau das steht in Ihrem Brief: «Wir müssen vorbereitet und handlungsfähig sein.» Worauf sollen mein Sohn und seine Altersgenossen vorbereitet sein? Darauf, Kartoffeln zu schälen, Latrinen mit ihrer Zahnbürste zu putzen, sich in Kasernen zu Tode zu langweilen oder heldenhafte Anekdoten zu sammeln, die sie später ihren Nachkommen über ihre glorreichen Tage unter der Fahne erzählen können?

Für wen halten Sie uns, Herr Francken? Und für wen halten Sie unsere Jugendlichen? Glauben Sie wirklich, dass sie nicht verstehen, was all diese verschleierten Aufrufe zur «Vorbereitung», getränkt mit dem widerlichen Geruch von « patriotischer Pflicht» und « Staatsbürgerschaft», in Wirklichkeit bedeuten? Herr Francken, wem wollen Sie das weismachen? Seien Sie wenigstens ehrlich. Hören Sie auf zu lügen. Sie wollen, dass wir mit Europa in fünf Jahren für den Krieg bereit sind. Sie wollen, dass wir uns bis an die Zähne bewaffnen, dass wir Schutzräume bauen, dass wir unsere Häuser mit Überlebensausrüstung füllen und dass jetzt auch unsere Jugendlichen bereit sind. Und wir sollen glauben, dass Sie sie nicht wirklich in den bewaffneten Kampf schicken würden? Krieg ist kein «spannendes und abenteuerliches Arbeitsumfeld» und auch keine «einzigartige Gelegenheit, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln». Wie der Journalist Walter Zinzen schreibt: «Kriege sind in Wirklichkeit Massaker und Massenvernichtung. Alles Menschliche wird dort durch gnadenlose Gewalt ausgelöscht. Und darauf sollen wir uns vorbereiten, wie unser Kriegsminister uns glauben machen will?» Aber zweifellos werden Sie Herrn Zinzen auch zu den Unerwünschten zählen, die Ihrer Meinung nach nur Spott und Verachtung verdienen.

In diesen Tagen werden Sie heftig kritisiert. Das raubt Ihnen zwar nicht den Schlaf, Sie können damit umgehen, das gehört zum Amt dazu, nicht wahr? Aber Ihre Kinder bleiben davon nicht verschont, und das geht meiner Meinung nach über das Erträgliche hinaus. Auf Facebook schreiben Sie: « Wenn man meine Kinder angreift, reagiere ich ziemlich heftig.» Nun, zumindest das haben wir gemeinsam. Denn wenn es um meine Kinder geht, reagiere ich auch ziemlich heftig. Und was mir die Haare zu Berge stehen lässt, ist zu sehen, wie die Regierung, der Sie angehören, eifrig daran arbeitet, die Zukunftsperspektiven junger Menschen durch drastische Einschränkungen und destruktive Sozialreformen zu zerstören, sodass ihnen bald keine andere Option mehr bleibt, als zum Militär zu gehen.

In den Nachrichten wurden Sie gefragt, ob Sie bereits Reservist seien. Sie antworteten, dass Sie noch keine Zeit dafür gehabt hätten. Nun, Herr Francken, mein Sohn hat auch keine Zeit. Er hat schon genug zu tun: leben, jung sein, Zeit mit seinen Freunden und seiner Freundin verbringen, zur Schule gehen, Erfahrungen als Werkstudent sammeln, Pläne für seine Zukunft schmieden … Er träumt nicht von einem heldenhaften Tod als junger Rekrut, gefolgt von einer Würdigung durch Persönlichkeiten wie Sie für das « Opfer» seines Lebens.

 Ich kann Ihnen mitteilen, dass mein Sohn Ihre Einladung höflich ablehnt, was Sie vielleicht enttäuschen mag, mich aber sehr erleichtert. Das bestärkt mich in meiner Hoffnung, dass Simon Gronowski Recht hat, wenn er in seinem kürzlich erschienenen Buch «Plaidoyer pour la paix» (Plädoyer für den Frieden) schreibt: «Junge Menschen haben einen Sinn für Gerechtigkeit, Wahrheit und Solidarität.»

Mit pazifistischen Grüßen

Dirk Tuypens


[1] https://www.ptb.be/actualites/service-militaire-mon-fils-de-17-ans-recu-une-lettre-du-ministre-francken-je-lui-ai

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Teilen:

Weitere Artikel

Kontaktiere uns